Sturmfluten an der Ostseeküste

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Sturmfluten an der Ostseeküste

Sturmhochwasser Tafel Loddin

1779 Brüggemann - Neukrug Insel Usedom: Dieses Dorf ist größtenteils von der Ostsee fortgerissen, und der dazu gehörige Acker gänzlich versandet worden, daher alle Einwohner, außer 2 Fischer, welche da selbst auf hohen Bergen wohnen, diesen Ort verlassen müßen.

Wolgaster Anzeiger

Zinnowitz, 7. Dezember 1883

Die letzte Sturmfluth hat auch an unseren Strand wieder große Verwüstungen angerichtet. Von Coserow bis nach Peenemünde stößt man alle Augenblicke auf Boots- und sonstige Trümmer. Den Carlshagener, Zempiner und Zinnowitzer Fischern sind sämmtliche Böte zerschlagen. Das alte Damenbad ist zum Theil zertrümmert; Bretter, Balken

u. f. m. von demselben sind von den Wellen bis in den Strandweg geworfen. Die Dünen, welche nach der Sturmfluth von 1872 neu angepflanzt wurden und schon eine ansehnliche Höhe erreicht hatten, sind vollständig weggespült, wie wegrasiert. Der ebenfalls im Jahre 1872 mit großer Arbeit und vielen Kosten
Sturmhochwasser Tafel Loddin Teilansicht
aufgeworfene Damerower Damm ist ca. 100 Meter weit durchbrochen; die Anpflanzungen darauf sind total zerstört. Die Passage über die Damerower Landenge ist nur noch am Strande möglich, bei hohem Wasser ist sie ganz aufgehoben. Carlshagen und Peenemünde waren voll unter Wasser gesetzt. Die Leute mußten mittels Böten aus ihren Wohnungen gerettet werden. Auf der Oie ist der Bretterschuppen des Rettungsbootes vom Ufer heruntergestürzt, zerschellt und die einzelnen Theile sind nach allen Windrichtungen hin getrieben. Der neue Damm zwischen Bannemin und Hammelstall ist ebenfalls an einer Stelle ganz durchbrochen, an anderen Stellen unterspült. Die Banneminer und Zinnowitzer Wiesen, stehen noch vollständig unter Wasser und bilden einen großen See.

Bericht aus dem Jahr 1887

Linolschnitt Hugo SCHEELE - Schoner "Carl Albert" landete 1872 im Dünenwald bei Damerow - Besatzung kletterte nach der Flut vom Baum

In einem Reiseführer von Zinnowitz aus dem Jahre 1887 erfahren wir: „Der Damerower Durchbruch – Es ist dies eine von Wald und Dünen freie Stelle, ein schmaler Landstrich, nur einige hundert Schritte breit, welche das Binnengewässer, das Achterwasser von der Ostsee trennt. Vormals war hier ein Ausfluß der Peene in die Ostsee, der aber bereits vor dem Jahre 1100 versandete. Aber die zürnende und oft wüthende aufgeregte See scheint es noch nicht vergessen zu haben, und besonders in den letzten beiden Jahrhunderten nimmt sie immer energischere Anläufe, sich hier wieder einen freien Durchgang zu schaffen. Immer neue, immer kostspieligere Arbeiten sind darum nöthig, ihr Einhalt zu thun und die Küsten nachhaltig zu schützen. Wer aber wird schließlich Sieger bleiben? der schwache Mensch?! die große See?!

Im Jahre 1736 erfolgte ein Durchbruch der schmalen Lauf mehr als 56 Ruten Breite; erst im Jahre 1741 gelang es den Durchbruch zu verstopfen; beträchtliches Holzmaterial war erforderlich, das die Pudagla´schen Amtsbauern anfahren mussten, und die Bauern der adligen Dörfer auf dem Gnitz mussten helfen. Im Frühjahr 1780 setzte ein großer Sturm die Insel Usedom drei Wochen lang unter Wasser, die Stranddünen bei Damerow widerstanden dem Anprall der Wogen, unterlagen dagegen im Jahre 1785 bei einem abermaligen großen Sturm vollständig den Wellen. Die langjährigen Arbeiten wurden durch diesen wiedergekehrten Durchbruch vollständig vernichtet. Jetzt errichtet man zwei bis drei Reihen Verzäunung auf vier Fuß Höhe, wodurch sich ein neuer Dünenwall bildete; aber auch dieser wurde im Jahre1791 von einem rasenden Nordoststurme zum großen Theile

Gedicht von Hugo SCHEELE

wieder vernichtet; im November des folgenden Jahres durchbrachen die Fluten diesen Wall vollends in einer Breite von 600 Ruten und vernichteten alle Äcker des Dorfes Damerow. ( auch des gegenüber des Rieckes liegenden Dorfes Zempin) Nun versuchte man es mit Steinpackungen, aber auch alle diese mit großen Kosten hergestellten Arbeiten erwiesen sich der Gewalt des Wassers gegenüber noch weniger wirksam, denn schon im Jahre 1799 waren die Steinpackungen vollständig durch die Wellen fortgerissen und im Sande vergraben, sodaß keine Spur von ihnen übrig blieb. Im Jahre 1818 entschloß man sich, die Herstellung der Schutzwälle dem nachmaligen Herrn Dünen-Inspector, einem Förster Schrödter zu Pudagla, zu übertragen; diesem erfahrenen und tüchtigen Manne gelang es mittelst Verzäunungen, Anpflanzungen von Strandhafer ec. Einen sehr widerstandsfähigen Dünenwall zu schaffen, der noch auf der Landseite durch unmittelbare Strandschonungen von Kiefern und Laubholz einen besonderen Schutz erhielt. Diese Befestigungen erwiesen sich als wirksam, bis die am 12. und 13. November 1872 eintretenden zwei Schreckenstage der verheerenden Sturmfluth alle Resultate des intelligenten langjährigen Fleißes wiederum mit einem Schlage vernichtete.

In weiter, nicht zu ermessender Ferne war es, als ob die See von unten gehoben würde, als ob sie maßlos und reißend schnell zu einem Gebirge emporwüchse, welches das Festland zu überschütten drohte; der Meeresspiegel wurde nach der Westseite förmlich geschoben wie ein Tuch. Die Fischerböte konnten nicht mehr gesichert werden; die niedrigen Dämme, die Damerower Landwege wurden überfluthet, die Wogen
19971 Zempin Bäume rutschen auf eine Reihe
ergossen sich durch die Königliche Forst über Wiesen und Äcker und rissen Alles mit sich fort. Jahrhunderte alte Bäume verschwanden spurlos und schwammen entwurzelt und zu Splittern, gleich Grashalmen geknickt, umher, die Saaten wurden vernichtet, denn mehr als fußhoch lagerte der angeschwemmte Kieselsand auf den Fluren. Diese Sturmfluth zertrümmerte auch die Badeanstalt in Zinnowitz. Die Königliche Pudaglaer Forst (dazu gehört der gesamte Küstenschutzwald der Insel Usedom) hatte besonders durch dies Ereignis gelitten, und um den Waldbruch aufzuarbeiten, brauchte man hier in vier Jahren kein Holz zu schlagen. Die Schiffsunfälle waren zahllos. Der Dampfer „Memel – Packet“, welcher die regelmäßigen Verbindungen zwischen Stettin und Memel unterhält, war am Abend des 12. November am Swinemünder Hafen vorbeigetrieben, und nachdem ihm das Steuer gebrochen und durch die über Bord gehenden Wellen das Feuer im Maschinenraum ausgelöscht war, der Gewalt des Windes und der Wellen preisgegeben. Seine Strandung erfolgte bei Zinnowitz gegen 5 Uhr morgens. Seine Besatzung, 17 Personen, darunter eine Dame, wurden unter Leitung des Herrn Kirchberg in Zinnowitz mittelst Rettungsleine glücklich gerettet. Dieser Dampfer stand mitten auf den Dünen. ...... Bei Zempin fand die Strandung des Schoners „Albert Alma“ statt; das Schiff mit gekappten Masten wurde gleichfalls, wie
1971 Zempin Toilette
„Memel – Packet“, soweit auf den Strand geworfen, dass auch dieses, als das Wasser wieder gefallen war, auf dem Trockenen saß; auch hier gelang die Rettung der Mannschaft. Schoner „Carl Albert“ wurde sogar in den Damerower Wald geschleudert, wo er sich zwischen den Bäumen festklemmte. Die Mannschaft rettet sich dadurch, dass sie an den Stämmen der Bäume herunterkletterte. Das Vieh brachte man auf höher gelegene Plätze nach Coserow. Um sich selbst zu retten, war kein Säumen, und sofort wurden die ältesten Leute und die Kinder theils getragen, theils auf Wagen nach Coserow geschafft. Das Dorf Damerow ist durch diese Sturmfluth bis auf einige Häuser verschwunden. ....“

Wie entstehen Sturmfluten an Usedoms Küste

Wie kommt es zu solchen schweren Sturmfluten; wie zu diesen extremen Wasserständen und deren Kraft, die Bemühungen ganzer Generationen zunichte macht? Sie entstehen durch zufälliges Zusammenwirken von meteorologischen und hydrologischen Vorgängen, so dass nie ein Ereignis dem anderen gleicht. Mögliche Vorgänge treffen zusammen:

Die Ostsee wird durch wochenlange
1995 Zempin Musikpavillon
Südwest- bis Westwinde mit Nordseewasser aufgefüllt. Das kann bis zu einer Höhe von 0,5 m betragen. Bei eintretender Windstille beginnt eine Rückschwingung mit Staueffekt an der südwestlichen Ostseeküste, die bis 1 m möglich ist.

Wenn aber keine Windstille sondern eine Windrichtungsänderung auf Nord bis Nordost eintritt, kommt zu dem Schwingungsstau der Windstau des Wassers und dieser kann bei Windstärke 9 – 10 bis zu 2,20 m über Normal-Mittelwasser führen. In Richtung Nordost von unserer Küste aus gesehen, hat die Ostsee eine Ausdehnung von 750 km. Wenn ein Abfließen des Wassers in die Nordsee über Beltsee und Kattegatt durch die Windrichtung nicht möglich ist, kommt es an der südwestlichen Ostseeküste zu erhöhten Wasserständen. Dazu kommt, dass die Mündungsflüsse der Oder (Peene, Swine, Dievenow) ihr Wasser nicht in die Ostsee bringen können und ein Rückstau entsteht oder es kommt zum Rückfluss mit Salzwasser. Wir sprechen dann vom einlaufenden Strom. Für unseren Raum bedeutet es, dass der Wasserstand des Achterwassers, eine Bucht des Pennestroms, ebenfalls steigt. Wenn der Wasserstand der Ostsee dann schnell wieder sinkt, kommt es zu einer unvorstellbaren starken Strömung der Flüsse und an den entstandenen Durchbrüchen von den überschwemmten Wiesen. So wurde der Rieck, nach der Sturmflut von 1913 bis fünf Meter tief ausgewaschen und wird heute als Hafen für Sportboote mit größerem Tiefgang genutzt. Die oben erwähnten Schreckenstage vom November 1872 sind die höchsten seit Wasserstandsdaten registriert wurden. Es sind sehr schwere Sturmfluten aus den Jahren 1304, 1320, 1625 und 1694 bekannt, aber nur durch archäologische Nachweise zu vergleichen. Durchbrüche an gleicher Stelle bei Damerow wie 1872 gab es am 31.12.1904 und der bis heute letzte Durchbruch am 30.12.1913.

Die Sturmflut im November 1995 wurde als die schwerste Sturmflut, nach der Wasserhöhe von 1872 registriert. Die Koserower Messstelle viel durch das Unwetter aus und der letzte gemessene Wert lag bei 23 m/s und einem Pegel von...... Die Schwere der Sturmflut wird auch durch die Dauer des Nordoststurmes bestimmt. Durch die menschlichen Anstrengungen in den vorausgegangenen Jahren, die Ufer zu befestigen und die Schwachstellen
2017 Zempin Baumreihe entwurzelt
zu stärken, kam es auf der Insel Usedom am Außenbereich nicht zu Durchbrüchen, wohl aber zu großen Abtragungen von 6 – 8 m. Nach Messungen der letzten 300 Jahre verlieren wir in unserem Strandbereich im Durchschnitt 0,90 m Land pro Jahr. An Luftaufnahmen auf Postkarten aus dem Jahre 1940 können wir dies schon erkennen.

Durch Berichte der Tochter Erna (geb. 1907) des Lehrers Wilhelm Ballmann, der seit 1903 in Zempin unterrichtete, wissen wir, dass die Flut des Jahres 1913 mit Schneesturm und Eis kam. Viele Familien flüchteten sich in das einzige Klassenzimmer des Ortes, da die Schule etwas höher lag. (heute Fischerstraße 12). Den Fachwerkhäusern wurden die Wände aus Lehm ausgewaschen, die Felder und Wiesen wurden mit Sand und Schlamm überspült. Die Wintersaat war vernichtet. Wochenlang standen tiefe Pfützen im ganzen Ort. Auch das Trinkwasser, welches man durch Hofpumpen erhielt, hatte Salzwassereinbruch. Fischerboote zerschellten oder wurden abgetrieben. Sie berichtete, dass ihre Mutter ihren Vater angefleht hatte, damit sie mit ihren sieben Kindern diese schreckliche Insel verlassen möchten, da solche Sturmflut immer wieder kommen kann. Und der Lehrer verlässt mit der Familie zu Ostern im Jahre 1914 Zempin und zieht weit hinein aufs Festland, wo er eine neue Arbeitstelle fand. Aber wo sollten die Bauern und Fischer, die hier etwas Land und Erwerbsmöglichkeiten hatten hin? Sie lebten in sehr ärmlichen Verhältnissen und versuchte wieder von vorn anzufangen. Berichtet wird auch, dass der Vater von Elisabeth Franz (1914-1991), Herr Wegner mit Pferd und Wagen von Koserow kam und nach Hause wollte, er sah zwar den Durchbruch, dachte aber, das Rinnsal wird der Pferdewagen doch überqueren, aber die Flut riss ihn mit, Pferde und Wagen versanken, er konnte sich ans Ufer retten. Aber immer half die Gemeinschaft, die schlimme Not zu lindern. So bekamen die Bürger von Zempin im Jahre 1872 eine Spende von 695 Taler und für die Sturmflut von 1904 ist verzeichnet, dass Staat und Privathilfe einsetzte. So erhielten von den 300 Einwohnern 30 Personen in Zempin 1125,95 Mark. Auch nach der Sturmflut von 1995 wurden zur sofortigen Beräumung des Strandes (Wurzel, Bäume, Steine) 25.587 DM vom Staat bereitgestellt. Außerdem bekam das Seebad Fördermittel für einen neuen Kurpavillon und eine neue eiserne Treppe, die so konstruiert ist, dass bei weiterer Abtragung diese Treppe mit einem Kran versetzt werden kann. Die Sturmflut vom 1. und 2. November 2006, wird als die schwerste in den letzten 50 Jahren bezeichnet, sie hatte eine kürzerer Verweildauer als die Flut 1995. Da an der gesamten Außenküste der Insel Usedom viel Sand weggespült wurde, kam es zur Sofortmaßnahme des Staatlichen Amtes für Umwelt und Natur. Auf 2000 m Länge wurden in Zempin 100.000 m³ Sand aufgespült. Dazu wurde Sand aus ca. sieben km entfernt in der See lagernden Stätte mit einem Saugspülbaggerschiff gewonnen. Dieses Schiff fuhr dann in die Nähe der Küste und spülte den Sand, gemischt mit Wasser, über eine flexible Rohrleitung auf den Strand. Am Ende des Möwenweges in Richtung Koserow wurden die Bäume gerodet, um höhere Dünen zu schaffen, die mit Strandhafer bepflanzt wurden.

Alte Maße: 1 Fuß = Preußen 31,4 cm 1 Rute = Preußen 3,76 m

Der Strandhafer

von Hugo SCHEELE * Künstler Hugo SCHEELE

Hat Deinem Kleid das kühle Grün

Vielleicht das nahe Meer verlieh´n,

Und mischte seinen lichten Schein

Der blaue Sommerhimmel drein? -

Hat Die die herbe Windesbraut

Die schmale Wange so gerauht?


Du lebst im allerärmsten Sande,

Im unbarmherz´gen Sonnenbrande,

Neigst still das Haupt, gehst in den Grund,

Suchst Wasser mit der Wurzel Mund,

Umschlingst das Land in Läng´ und Breite,

Greifst mit den Fühlern in die Weite,

Und hälst der Wanderdünen Lauf

Mit Deinen Eisenklammern auf.


So hilfst Du dieses Land gestalten,

Zu schützen es und zu erhalten. -

In Zeiten großer Hungersnot

Gab Deine Ähre karges Brot,

Und wollt´ es auch so recht nicht munden,

Hat´s doch den Überwinder überwunden. -

Drum sei mit Liebe dem begegnet,

Der so wie Du das Land begegnet!

Kontakt

Hilde Stockmann rohrspatz@gmx.com