Geschichte der vorpommerschen Familie Dinse
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Aus der Arbeit des Familienforschers
Beiträge zur Geschichte der vorpommerschen Familie Dinse
von Dr. Paul Dinnies-Dinse
1924
Nach einem am 12. März 1924 in der Kieler Gesellschaft für Genealogie gehaltenen Vortrag.
Von Jahr zu Jahr erweitert sich der Kreis der Freunde der Familienforschung, eine stetig größer werdende Schar denkender Menschen erfüllt das Verlangen, die zu Schatten gewordenen Voreltern zu einem neuen Leben in der Erinnerung der Nachfahren zu erwecken. Sie alle lernen aus dieser Beschäftigung mit der Vergangenheit, daß sie nicht allein stehen im Leben der Gegenwart, sondern daß die Geister der Vergangenen sie umschweben, daß sie ihr Leben nicht für sich gesondert führen, sondern daß sich in ihnen Wesen und Art, Charakter und Schicksal der Vorfahren in neuem Leben wiederholt.
Auch ich, der Verfasser dieser Zeilen, gehöre, obwohl fast als geschichtsloser Großstädter geboren, seit langem zu diesem Kreise der Freunde der geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Familienkunde, und ich habe mir in dieser Beschäftigung mit der Vergangenheit sogar ein Ziel gesetzt, das über dasjenige gleichgearteter Bestrebungen weit hinausgeht. Ich habe nicht nur die direkt aufsteigende Linie einer bestimmten kleinen Familie verfolgt, sondern ich habe, durch besonders günstige Umstände verleitet, meine Nachforschungen auf eine ganze Namensgenossenschaft, auf die Gesamtheit aller Träger des Familiennamens dieser einen Familie gerichtet. Ich bin dadurch in den Besitz eines außerordentlich umfangreichen Materials familiengeschichtlicher Einzelheiten gekommen, eines Sammelmaterials, das recht wohl die Berechtigung geben mag, das Allgemeine aus der Fülle der Kleinarbeit herauszuheben und dadurch Ratschläge für andere gleichgerichtete Bemühungen zu geben. Meine Bestrebungen können vielleicht auch für den Kreis von Lesern in verschiedenen Teilen unseres deutschen Vaterlandes den Wert allgemein gültiger Regeln annehmen, obwohl sie in einer bestimmten eng begrenzten Landschaft und auf ganz eigenartigem Gebiete erworben worden sind.
Meine familien-genealogischen und familiengeschichtlichen Forschungen begannen, wie es ja natürlich ist, mit meiner eigenen engeren Familie, und zwar in beiden Richtungen der väterlichen und mütterlichen Seite. Beide Eltern waren Pommern, die Vorfahren der Mutter später eingewanderte, die des Vaters altlandgesessene Pommern! Alle Dinses sind Pommern oder Ostmecklenburger: ich habe unter Tausenden, Toten und Lebenden, noch keinen angetroffen, der nicht in Pommern gesessen hätte oder aus einem der dortigen Dinse-Nester ausgeflogen wäre. Mit Ausnahme einer einzigen Brutstätte in der Nähe des kleinen Städtchens Mirow in Mecklenburg-Strelitz, auf der Wasserscheide zwischen Havel und Tollense, liegen die Stammsitze der Dinses alle im Gebiete der Gewässer der Odermündungen, fast alle sogar im
Gebiet der Peene und der Wasserflächen des Stettiner Haffs, die man die Peenemündung der Oder nennt. In zwei Gegenden sitzen sie gedrängt, auf zwei Inselgebieten, den Inseln Usedom-Wollin und der Insel Ostrow oder Wustrow, die sich zwischen Wolgast und Greifswald durch den heute allerdings fast trockenen Ziesebruch vom Festlande abgesondert. Diesem kleinen Gebiet, dessen wichtigste Punkte die beiden alten Städtchen Usedom und Wolgast sind, entstammen fast 80% aller Dinses, die in vier Jahrhunderten gelebt haben, auch fast alle die Abgesprengten, die in den letzten Generationen in den deutschen Mittel- und Großstädten nachweisbar sind.
Dies war mir aus gelegentlichen Erkundigungen bei Namensgenossen, denen ich im Leben begegnet war bekannt, ich kannte also die außerordentliche Enge des Verbreitungsgebietes meines Namenstammes. Mein eigner Familienzweig war in Altwarp zu Hause, einem kleinen Schiffer- und Fischerdörfchen am Stettiner Haff an der Ecke gegenüber Swinemünde, wo der Peenemündungsarm der Oder sich nach Westen weitet. In diesem Dörfchen gehörte die Familie Dinse seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zu den Leichterschiffern des Haffgebiets, die in den damals noch sehr seichten Mündungsflüssen der Oder die Seeschiffe für die Weiterfahrt nach Anklam und Stettin leichterten. Die persönlichen Nachforschungen in Altwarp führten zu einer Festlegung der Stammfolge meines Geschlechts bis in die letzten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts hinein, die letzten Daten jedoch, die Geburtsdaten der ältesten Altwarper Dinses, konnten nur aus Altersangaben bei den Todeseintragungen errechnet werden. Denn die Kirchenbücher Altwarps beginnen erst von 1735, die älteren sind durch Brand vernichtet. So war meinen Nachforschungen ein frühes Ziel gesetzt, aber es blieb eine Hoffnung über dies Ziel hinwegsetzen zu können. Die ältesten Personalnotizen machten es wahrscheinlich, daß die Altwarper Aelterväter und -mütter keine Ortseingeborenen, sondern Zugewanderte waren, zugewandert in der ersten Zeit der Preußenherrschaft in dem bisher schwedischen Vorpommern, in der Zeit, in der zum ersten Mal die Bevölkerung dieses Gebiets ins Wandern kam. Dies brachte mich auf den Gedanken, in anderen Orten der näheren und weiteren Umgebung Altwarps nach den ältesten Mitgliedern meiner engeren Familie zu suchen. Ich will hier gleich gestehen, daß es mir bisher noch nicht geglückt ist, den Stammvater der Altwarper Dinses, seine Geburt oder seine Heirat anderswo aufzufinden: aber es sind auch bei weitem noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft, so mancher Ort harrt noch der gründlichen Nachforschung.
Aber zwei andere Ergebnisse hat doch diese Ausdehnung meiner Nachforschungen auf das ganze vorpommersche Küstengebiet und die systematische Erfassung möglichst aller Namensgenossen gehabt. Das erste ist die Aufklärung über die Bedeutung des Familiennamens, der bis dahin allen lebenden Trägem des Namens undeutbar war. Es war mir schon in mehreren Orten aufgefallen, daß ungefähr in den Jahren 1720- 1740 überall die Tradition abriß: wie vom Himmel gefallen stehen überall die ersten Dinses in den Kirchenbüchern. Da brachte mir eine 1920 erschienene Greifswalder Doktordissertation über die Familiennamen auf Usedom vor 1700 Aufklärung. Auch der Verfasser hat nirgends auf der Insel im siebzehnten Jahrhundert den Namen Dinse gefunden, er nennt ihn nicht in seiner Namenliste, aber an seiner Stelle steht dort der Name Dinnies mit einigen anderen Formen, die Abänderungen der Urform des Namens sind - und richtig deutet der Verfasser diese Namen als Abänderungsformen des alten lateinischen Namens Dionysius. Und nun kam mir die Erinnerung, daß ich den Namen Dinnies schon mehrmals an mehreren Orten gefunden hatte, sogar in dem Kirchenbuch Altwarps. So war die Kluft von 1720-40 überbrückt, in großen Sprüngen eilte die Nachforschung überall um ein volles Jahrhundert zurück, und ausnahmslos fand sich an allen Orten der dokumentarisch zu belegende Übergang von den Söhnen Dinns und Dinse zu den Vätern Dinnies. Der Namengeber unserer großen Namensgenossenschaft ist der heilige Dionysius von Paris, den schon die frühe katholische Legende mit Dionysius Areopagita, dem ersten Anhänger von Paulus in Athen, zusammengeworfen hat. Es ist vielleicht bekannt, daß dieser erste Pariser Bischof, als ihm in den gallischen Christenverfolgungen der Kopf abgeschlagen war, es fertig brachte, mit seinem Kopfe unterm Arm noch einige Tausend Schritte zu wandern, bis er an dem Ort zusammenbrach, der heute nach seiner Grabstätte St. Denis heißt! Er ist der Namensheilige aller Dönis, Dionisios usw. in den romanischen Ländern, aller Dinnes im Rheinland, in England und Amerika, aller Dinnies in Mecklenburg und Vorpommern. Aus seiner Heimat zwischen Lüttich und Aachen hat auch das Geschlecht der Karolinger den heiligen Dionysius als Familienheiligen mit sich genommen, der auch heute noch der Hauptheilige vieler Kirchen in Niederfranken ist. Es ist bekannt, daß alle Herrschergeschlechter Europas und der gesamte Hochadel, der nicht aus der Ministerialität hervorgegangen ist, in Karl dem Großen ihren Stammvater sehen. Es wäre vermessen, dasselbe auch von dem Geschlecht der Dinse zu behaupten, es ist aber doch schon
nett, daß wir mit Karl dem Großen denselben Hausheiligen haben. Die Entwicklung des Namens ist in der Weise vor sich gegangen, daß aus dem griechisch-lateinischen Heiligennamen im deutschen Sprachgebiet die niederfränkische Form Dinnies - mit dem Ton auf der zweiten Silbe - entstand. Als nach vielen Jahrhunderten der Kalenderheilige des 9. Oktober nichts mehr galt und damit das Bewußtsein von der Bedeutung des Namens schwand, verschob sich der Ton auf die erste Silbe als die vermeintliche Stammsilbe, und die zweite wurde allmählich abgeschliffen, zu Dynnjes, Dynniges, Dynnes, Dinnes, Dinns und Dins. So klingt heute im Volksmund der Familienname - das Verstärkungs-e am Ende ist nur ein Zusatz der Schriftsprache. Aber nicht überall verrutschte der Ton und verkümmerte die zweite Silbe. In den nordelbischen und skandinavischen Ländern starb nach und nach die erste Silbe ab, und es blieb nur Nies. Der schleswig-holsteinische Hauskobold Nies Puck, der in dem Dachgebälk haust und vor dessen Schabernack man sich nur durch sorgliche Pflege mit einem Schüsselchen Grützbrei bewahrt, trägt seinen Namen vom heiligen Dionysius, wie seine pommerschen Verwandten Chim und Cheil von Joachim und Michael - und wie aus dem Namen Bartholomäus die Familiennamen Bartels und Mewes entstanden sind, so sind die Geschlechtsnamen der Dinse und Nissen eines Namenstammes. Das zweite Ergebnis ist die Überzeugung von der verhältnismäßigen Einheit des Dinse-Geschlechts. In die große Wasserfläche des Achterwassers, zu dem sich die Peene zwischen Anklam und Wolgast weitet, ragt die kleine Halbinsel des Gnitz mit dem Buchberg, der vielleicht manchem, der das Ostseebad Zinnowitz besucht hat, als Ausflugsort bekannt ist. Auf dieser Halbinsel liegt außer den beiden von Lepelschen Gutshöfen Netzelkow und Neuendorf das Büdnerdorf Lütow mit 17 Wohnstätten und ungefähr 120 Einwohnern, von denen über die Hälfte Dinse heißen. Die ganze Halbinsel zählt jetzt etwa 400 Bewohner; es werden auch in früheren Zeiten nicht mehr, eher weniger gewesen sein. Von diesem kleinen durch Wald, Wasser und Sumpf ringsum abgeschiedenen Fastinselchen besitze ich die Namen und Lebensdaten von über 1200 Dinses. Ich habe sie in 18 große Stammtafeln ordnen können und hege keinen Zweifel, daß sie sich über die wenigen auf allen Tafeln wiederkehrenden Dinnies der Zeit von 1630 und über die beiden ältesten aus der Zeit von 1580 bis 1637 zu einer Descendenztafel vereinigen ließen, wenn ältere Nachrichten als aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges vorlägen. Nur durch die Peene, eine Wasserfläche von etwa 800 Meter Breite,
getrennt, liegt auf dem Festlande der Insel Usedom gegenüber das Dorf Hohendorf, auch ein früher v. Lepelscher Besitz. Aus diesem Dorf stammen aus der Zeit von 1730 bis heute etwa 400 Dinses, die nur drei Stämmen angehören. Ich zweifele auch hier nicht, daß alle diese Stämme zusammengehören, daß sich die Zahl ihrer Mitglieder noch sehr vermehren wird und daß der oder die Stammväter v. Lepelsche Untertanen vom gegenüberliegenden Usedom gewesen sind. Im Norden von Wolgast, kaum zwei Wegstunden entfernt, liegt das Dorf Cröslin, der Hauptort des alten Kirchspiels der Insel Wustrow, mit dem Nachbarfischerdorf Freest. Diesen Orten und den anderen Kirchspielen der Insel entstammen rund 500 Dinses, die alle wahrscheinlich miteinander verwandt sind. Schon im Jahre 1574 finden wir in einem Kirchen Visitationsprotokoll in diesem Kirchspiel ein Bauerngeschlecht Dinnies. Noch heute sitzen im Kirchspiel die Bauern Dinse auf alten Höfen: ich konnte in wenigen Stunden auf fünf von ihnen als liebenswürdig empfangener Gast einkehren. Ist es undenkbar, daß über das nahe Wolgast jetzt nicht mehr nachweisbare Brücken nach dem gegenüberliegenden nördlichen Usedom führen? In der alten Stadt Anklam blüht seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts bis in den Anfang des 19. das Gewandschneider- und Kaufherrn-, Beamten- und Gelehrtengeschlecht der Dinnies, deren alter Handlungsspeicher mit dem Dinnies-Wappen noch heute steht. Der Stammvater dieses Geschlechts stammt aus der Stadt Usedom, dem alten wirtschaftlichen und religiösen Mittelpunkt der Insel, in dem mehrfach Lepels Bürgerrecht besaßen und den Bürgermeisterposten innehatten. Wird nicht auch dieser alte Dinnies vom Gnitz stammen können? Neben diesen alten Mittelpunkten der Verbreitung des Dinnies- Namens kommen die anderen Nester und Brutstätten des Geschlechts, die Ecke nördlich von Stettin, ein kleines Gebiet zwischen Stralsund und der mecklenburgischen Grenze, das Land um Mirow in Südmecklenburg kaum in Betracht - und alles andere sind Versprengte in Mittel und Großstädten, in Stralsund, Greifswald, Wolgast, Anklam, Stettin, in Hamburg und Berlin, die alle aus einem der genannten Hauptgebiete herstammen. Ist es bei der örtlichen Nähe der wenigen Stammsitze zu kühn, an eine Einheit des Geschlechts zu glauben? Der Leser hat nun nicht etwa zu befürchten, daß ich ihm alle die Dinnies und Dinse, die seit vier Jahrhunderten die Männererde beschritten haben, und alle die Dinsches und Dinsmätens, die in dieser langen Zeit mehr oder minder züchtig in Katen, Bauern- und Bürgerhäusern die
Herdflamme gehütet haben, einzeln vorführen werde, oder auch nur eine der Stammtafeln ausbreiten werde, die ich für mehrere Dutzend Familienstämme in mühsamer Mosaikarbeit, aber immer historischkritisch und ehrlich zusammengestellt habe. Es sind doch alles nur kleine Leute und Menschenschicksale kleiner und kleinster Bedeutung! Sind es doch fast alle brave Landleute, Knechte, Tagelöhner, Arbeiter, Büdner, Kossäten und Kleinbesitzer. Nur wenige sind als Erbpächter allmählich in die Höfe gekommen und sitzen jetzt auf stattlichen Bauerhöfen, nur wenige sind als Schiffer großer Fahrt auf eigenem Schiff als Kapitäne in der Welt herumgekommen, nur wenige sind durch den Soldaten- oder Lehrerstand aufwärts gegangen in Beamtenstellen, nur wenige der in städtischen Berufe Abgesprengten haben es als Fabrikanten und Geschäftsleute zu Wohlstand gebracht, nur wenige sind aus diesen gehobenen Stellungen ihrer Väter in die gelehrten Berufe übergegangen. Abgesehen von den Kämpfern für Preußens Größe und Freiheit und des Reiches Gründung und den Jungmannen des Geschlechts, die im großen Weltkriege gestritten, gearbeitet, geblutet und gefallen sind, haben nur Mitglieder eines Familienstammes eine Rolle in der Geschichte gespielt, so daß wir in den Quellen der hanseatischen und pommerschen Geschichte Stralsundische Ratsherrn und Bürgermeister des Namens Dinnies finden. Es ist also eine uninteressante, fast geschichtslose Familie meist braver Männer und Frauen - und deshalb will ich den Leser nicht mit Namen und Kinderzahlen behelligen! Und wenn mein Arbeitsfeld auch sehr groß ist und Tausende von Menschen, den größten Teil einer Namensgenossenschaft in vier Jahrhunderten umfaßt, so ist es doch auch sehr einartig, gewissermaßen von nur einer Bonitätsklasse. Die Menschen, die mir die Beispiele zu meinen verallgemeinernden Ausführungen liefern, sind einer Rasse, Germanen mit starker slawischer Beimischung. Vermischung mit Mitgliedern fremder Rassen hat niemals stattgefunden. Es sind alles Pommern, und zwar aus dem Gebiet der stärksten Durchdringung eingewanderter germanischer Ansiedler mit eingeborenen Pommeranern mit etwas nordgermanischem - schwedischem - Einschlag! Meine Ausführungen bewegen sich auf zwei nicht ganz gleichwertigen Gebieten meines Arbeitsfeldes. Das eine ist das genealogische, das Gebiet, dessen Bearbeitung nicht selten die zweifelhafte Würdigung durch ein leicht spöttisches Lächeln findet weil es manchem als eine fast sportliche Liebhaberei erscheint. Es ist die Sammlung des Materials und seine Zusammenstellung zu Stammtafeln. Das andere ist das
familienkundliche Gebiet, die Verwertung des gesammelten genealogischen Materials zu einer Darstellung literarischer Art als Beitrag zur Kulturgeschichte und Bevölkerungsgeschichte, zur Stammes-, Volks- und Rassenkunde. Meine Darlegungen gliedern sich in zwei Teile: Wie treibe ich Familienforschung, d.h. wie sammle ich Material zur Kenntnis der Stammfolge meines Geschlechts, und wie kann ich diese kleinen, unbedeutenden Einzelheiten zur Abfassung des Textes einer Geschichte meines Stammes verwerten? …
Die beste Quelle für die Familienforscher ist die eigene Person', sie kann Auskunft geben über sich selbst, sie hat noch lebhafte Erinnerung an Elternhaus, Jugend, Entwicklungsgang, sie kann über Frau und Kinder berichten und sogar Fragen beantworten, die für naturwissenschaftliche Personenkunde von Bedeutung sind, gegebenenfalls sogar Fragebogen ausfüllen. Schwieriger wird es schon, wenn man tiefer eindringen will, andere Lebende ausforscht und nach den Familienmitgliedern der nächstälteren oder gar zweiten Vorgeneration fragt. Es ist tief betrüblich, wie selten man bei anderen Lebenden ein sofort bereites Interesse findet, wie man um ein Verständnis seiner Bemühungen geradezu ringen muß. In den meisten Fällen wittert selbst der Gebildete die Gefahr einer unberechtigten Einmischung in seine ureigensten Angelegenheiten, nicht selten auch die Möglichkeit, daß, was der Vetter will, schließlich doch Geld kostet. Ebenso ist es bedauerlich zu beobachten, wie schnell das Bewußtsein des Familienzusammenhangs vermorscht. Selbst Brüder wissen gelegentlich nichts mehr von einander, von den Frauen und Kindern, Vettern haben manchmal keine Ahnung von der Gemeinsamkeit der Abstammung. Namentlich wirken Familienzwistigkeiten aus Erbschaftsgründen direkt auslöschend. Und diese Unkenntnis und Ablösung wird von immer stärkerer Wirkung, je weiter man zurückzugehen und zurückzufragen versucht. Häufig sind die Großeltern schon Schatten, man weiß keine Daten, keine Mädchennamen, keine Herkunftsorte. Trotzdem möchte ich raten, auf die persönliche Erkundigung durch Besuche bei Lebenden nicht zu verzichten: man legt doch ein Fundament für seine Arbeit - und man kann auch nicht selten den Nebenerfolg buchen, daß man längst zerrissene Fäden wieder aneinandergeknüpft hat. Der Familienforscher
muß reisen - die Verwandtschaft grüßen! Es gewährt doch einen Reiz, verwandte Menschen kennen zu lernen, mit ihnen zu plaudern und sich zu erinnern, oder auch das Dorf und die Stadt, den Boden zu durchwandeln, den die Vorfahren betreten oder bearbeitet haben. Jedenfalls führt persönliche Nachforschung immer weiter als die briefliche Korrespondenz, die meist nur direkte Fragen beantwortet! Reisen muß man auch, wenn man das persönlich bei Lebenden Erkundete nachprüfen, ergänzen, nach rückwärts fortsetzen will - kurz, wenn man archivalische Quellen benutzen will. Dies gilt besonders von den wichtigsten archivalischen Quellen der Familienforschung, den Kirchenbüchern. Gewiß, die meisten Pastoren haben Verständnis für familienkundliche Bestrebungen, bemühen sich um Bitten und antworten - natürlich meist mit Berechnung der Gebühren und ihrer Kosten - selbst, wenn die Zumutungen, die der Fragende stellt, ans Unverschämte grenzen. Aber sie antworten doch nur auf Fragen - und schließlich doch ohne eigenes Interesse! Der Historiker aber muß Einsicht in die Quellen selbst nehmen, nur dann sprechen sie ihm und erzählen ihm alles! Die traditionelle Gastlichkeit der deutschen Pfarrhäuser beider Konfessionen erleichtert diese Reisen des Familienforschers in erfreulicher Weise und macht sie zur Quelle großer Freuden. Man ist fast immer, zumal im einsamen Dorf, ein bereitwillig und aufgenommener Gast, man arbeitet im stillen Studierzimmer des Herrn Pastors, und manch Reiseplan wird umgestoßen, wenn die Frau des Hauses den Gast nicht vor der nächsten Mahlzeit oder vor der Nacht fortlassen will. Kirchenbücher sind verschieden, die neuen des 19. Jahrhunderts gut, die älteren schlechter, je nach der Handschrift der Pastoren: ich habe das persönliche Pech gehabt, die geradezu fürchterliche Schrift des Verfassers des bekannten chronikartigen Romans "Die Bernsteinhexe" in drei Dörfern anzutreffen. Viele Bücher sind überhaupt verschwunden, verschleppt, verbrannt, vermodert! Und was enthalten sie? In älteren Zeiten vereint und durcheinander, in neuerer Zeit in besonderen Bänden, die älteren ohne, die neueren mit Namensregistern, die Eintragungen von Geburten, Hochzeiten und Todesfällen! Ich will den Leser nun durch diese Bücher geleiten, ratend und meinen Rat durch Beispiele belebend! Mein erster Rat ist: die Kirchenbücher von vornherein aufmerksam durchsehen und auf das sorgfältigste abschreiben! Ich beginne mit den Geburtseintragungen und den Taufregistern. Die genaueste Notierung aller Taufnamen ist eine unbedingte Not-
wendigkeit, denn diese bestimmen zusammen mit dem Geburtsdatum die Persönlichkeit ganz fest. Im Laufe des Lebens verschwimmt diese Festlegung allmählich - manchmal bis zur völligen Unsicherheit und in kaum aufhellbares Dunkel. Es ist erstaunlich, wie leichtsinnig viele Menschen mit ihren Taufvornamen umgehen, wie sie den Rufnamen wechseln, indem sie sich aus den seit dem Ende des 18. Jahrhunderts üblichen drei Vornamen bald diesen, bald jenen zum zeitweise vorwiegenden Gebrauch auswählen. Dies ist von Bedeutung bei allen Eintragungen aus der späteren Lebenszeit. Während bei der Heirat, bei der auch früher schon Papiere vorgelegt werden mußten, fast immer noch die Personen durch alle Vornamen und das Alter - dies allerdings meist nur angenähert und bei älteren Mädchen nicht selten auch falsch - festgestellt werden, begnügen sich bei späteren Geburtseintragungen, bei Hochzeiten der Kinder und vor allem bei Todeseintragungen die Pastoren mit dem gerade ortsüblichen Rufnamen - und dieser wechselt! Welche Arbeit und Nachdenken macht es, wenn man die große Nachkommenschaft eines Joachim, der dem Familienstamm des Ortes angehören muß, nirgends anschließen kann - welche Erleuchtung bringt es, wenn man aus einer ganz unbeachtlichen Nebeneintragung, etwa einer Patenschaft, ersieht, daß der Gesuchte der längst bekannte Friedrich Christopf Karl ist - und dann von einer Enkelin hört, daß Großvater in der Tat erst später Jochen genannt wurde, weil es im Ort zur Zeit zu viel Fritzens gab. Und alle Kirchenbucheintragungen von der Konfirmation ab lautet auf Joachim. Deshalb möchte ich auch raten, bei den Abschriften der Geburtseintragungen stets die Namen aller Paten des Täuflings mitzunotieren: sie geben nicht selten Anhaltspunkte zur Feststellung von Zusammenhängen. Allerdings wird die Erwartung, unter den Paten die Großväter, die wichtigsten Kettenglieder, zu finden, in der Regel enttäuscht. Dies erklärt sich aus leicht ersichtlichen Gründen. Die Paten (compatres) sollen dem Täufling Helfer und Stützen im Leben sein, ihm gegebenenfalls den leiblichen Vater ersetzen. Dazu eignen sich meist die Großväter am wenigsten, denn bei den Heiraten der erst spät zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit kommenden Söhne sind die Väter meist schon alte Leute, Altenteiler, Einlieger, Altväter, so dass sie dem Enkelkind kaum noch mit Tat beistehen können. Und heiraten die Söhne früh, besteht meist kein gutes Verhältnis zwischen den Alten und den Jungen, da der früh aus dem Hause ausheiratende Sohn für die Wirtschaft des Vaters der Verlust einer Arbeitskraft ist. Bei den verhältnismäßig frühen Heiraten der Töchter findet man dagegen
häufiger die Namen der Großeltern als Paten der Erstlinge. In der Regel aber legen ihre Hand auf den Täufling außer Nachbarn, Geschwister der Eltern oder Vettern und Basen, also jüngere Leute, sehr häufig auch die jungen eben verheirateten Frauen der Verwandtschaft, denen die Patenschaft ein gutes Vorzeichen für kommende eigene Mutterschaft sein soll. Hinzufügungen im Kirchenbuch wie Vatersbruder, Schwester der Mutter, Oheim des Vaters sind dann Hinweise von oft weittragender Bedeutung für den Stammanschluß. Zu beachten ist auch, daß die Daten der Geburtseintragungen namentlich in älterer Zeit häufig nicht den Geburtstag, sondern den Tauftag geben. Man kann annehmen, daß die Differenz beider Daten fast immer nur 3 oder 4 Tage betragen wird, da bis ins 19. Jahrhundert hinein auch in protestantischen Gebieten die katholische Sitte der möglichst baldigen Kindertaufe geübt worden ist. So erklären sich aber oft Unstimmigkeiten der Kirchenbucheintragungen mit den Altersangaben bei Todesmeldungen, den mündlichen Auskünften und den Angaben auf den Grabsteinen und Grabkreuzen. Sind beide Daten genannt, so empfiehlt sich bewußt aufmerksame Notierung! Bei Differenzen zwischen den Angaben der Kirchenbücher und persönlicher Aussagen hinsichtlich der Geburtstage rate ich den letzteren den Vorzug zu geben. Der Geburtstag ist das einzige Datum, welches der Mensch ganz bestimmt weiß, weil er ihn alljährlich feiert: nur in katholischen Familien entsteht leicht eine Verwirrung durch die Feier des Namenstages! Als Anhang zum Geburtenregister findet man in den Kirchenbüchern meist eine besondere Abteilung, das Verzeichnis der Spurii, der unehelich Geborenen. Ich möchte empfehlen, an diesen Blättern nicht in moralischem Stolz vorüberzugehen, sondern sie recht sorgfältig durchzusehen. Es sind vielfach nicht die schlechtesten Sprossen des Stammes! Manch lebenskräftiger Stammhalter und fruchtbarer Stammvater entsproß den Liebesbünden junger frischer Liebesleute. Die meisten von ihnen haben, durch nachfolgende Ehe legimitiert, im Leben den Familiennamen in Ehren geführt, nicht wenige haben ebenso den von der Mutter erhaltenen Namen bald mit den Namen anderer Familien vertauschen können. So steht in einer meiner Stammestafeln als Vater eines noch heute blühenden Stammes ein Bauer Joachim Friedrich, lange Jahre hindurch Schulze und Kirchenvorsteher seines Dorfes. Der Geburtstag dieses unzweifelhaft Orts- und Stammeszugehörigen war aus dem Todesdatum und der genauen Altersangabe zu errechnen, aber an diesem Tage war kein Dinse-Kind geboren. So war dieser Mann
mitsamt seiner Nachkommenschaft nicht anzuschließen! Da fand ich bei der Eintragung seines Todes ganz unscheinbar unten auf dem Blatt von der Hand des Pastors - längst nicht mehr des, der ihn getauft und getraut hatte - "zur Steuer der Wahrheit" die Notiz, daß der Verstorbene keinen Anspruch auf den Namen Dinse gehabt habe, sondern ihn erhalten habe durch den Baumann Franz Joachim Dinse, der seine Mutter Ilse Margarethe Meßlin geheiratet habe. So war alles geklärt - und unter den Spurii stand dann auch ganz richtig am errechneten Geburtstage das Meßlin-Kind! Bedauerlich ist es vom Standpunkt des Familienforschers, daß die Kinder von Witwen den Familiennamen des verstorbenen Ehemannes auch dann erhalten, wenn sie durch Überschreitung der normalen Frist nicht mehr als Posthumi gelten können. Rechtlich mag dagegen nichts zu machen sein, weil die Mutter nach Verlust des Mädchennamens durch die Heirat keinen anderen Namen als den ihres verstorbenen Eheherrn zu vergeben hat. Es ist aber befremdlich, daß so in die Namensgemeinschaft Leute eintreten, die mit dem Familienstamm auch nicht durch einen Tropfen gemeinsamen Blutes verbunden sind. So habe ich den Fall, daß zwei 1813 geborene Dinse-Kinder als Nachkommen eines Ehemanns Dinse durch das Leben gegangen sind, obwohl dieser Mann von 181l-1814 in Oléron in französischer Internierung saß und der Pastor sogar im Kirchenbuch den Namen des stellvertretenden Erzeugers zu nennen wußte. Es war dies wohl eine cause cèlèbre in dem kleinen Dorf, deren Gedächtnis noch lange fortgelebt hat. In vielen Pfarrarchiven finden sich auch noch weit zurückreichende Register der eingesegneten Kinder der Gemeinde, daneben häufig auch Verzeichnisse der zum ersten Abendmahl Zugelassenen. Konfirmation und Erstkommunion fielen früher nicht zusammen, da die Kinder als notwendige Arbeitsgehilfen schon sehr früh - im Alter von 10 bis 14 Jahren und die Mädchen früher als die Knaben - eingesegnet wurden. Die Durchsicht dieser Listen gibt in dem Nachweis derjenigen Jugendlichen, die den Gefahren der Kinderzeit entgangen sind, eine wertvolle Korrektur der Todesnachrichten, außerdem aber auch die Rufnamen der Kinder und den Wohnsitz der Eltern im Kirchspiel. Die Eintragungen in den Heiratsregistern der Kirchenbücher oder in früheren Zeiten die Hochzeitsnotizen im Kirchenbuch sind erfreulicherweise immer die besten und ausführlichsten. Wie ich schon kurz erwähnte, hat dies seinen Grund darin, daß bei der Anmeldung zur Trauung beide Brautleute Dokumente vorzulegen hatten, Geburts-
scheine, Heiratserlaubnisse der Eltern bei Minderjährigen, Heiratskonsense bei Leibeigenen, Erbuntertänigen, Militärpersonen oder Beamten. Waren die Brautleute Ortskinder, so sah der Geistliche in der Regel auch auf früheren Seiten seines Kirchenbuchs nach und stützte so durch genaue Daten das schwache Erinnerungsvermögen seiner Pfarrkinder und ihrer Eltern. Er war sich eben bewußt, daß er damit die Entstehung der neuen Keimzellen der Bevölkerung seines Sprengels kontrollierend fördere - und der Familienforscher wird ihm dafür dankbar sein, denn so werden die Knoten des Netzes der Stammfolge sicher geknüpft. Vom Ende des 18. Jahrhunderts ab finden wir sogar bei den Traueintragungen nicht nur die Namen und das Alter, häufig auch die genauen Geburtsdaten und Heimatsorte der Brautleute, sondern auch die ausführlich bestimmte Angabe der Personalien der beiderseitigen Eltern, der Mütter sogar mit ihren Mädchennamen. Ich kann auch hier nur raten, diese Heiratseintragungen so vollständig wie möglich zu kopieren, da man sich hierdurch die Möglichkeit schafft, die Abstammung auch in der Richtung nach der weiblichen, mütterlichen Seite zu verfolgen. Wenn es möglich ist, d. h. wenn die unerbittliche Beweiskraft der Dokumente dies nicht unterbindet, wird bei den Angaben für die Eintragungen ins Trauregister von den Brautleuten leicht etwas gemogelt. Der Bräutigam macht sich gern etwas älter, die Braut gern beträchtlich jünger: es ist ratsam, sich da nicht täuschen zu lassen, die Angaben zu kontrollieren und immer in einer Spanne Zeit vor und nach dem errechneten Jahr zu suchen, wenn man nur durchaus sichere Daten in die Stammtafel aufnehmen will. Manchmal will auch der Bräutigam jünger sein: es schwebt mir da der Fall eines Jakob Dinnies vor. Als er 1774 zur zweiten Ehe schritt, da gab er sich jugendfrisch nur 69 Jahre: als er 12 Jahre später, 1786, starb, war er im 88. Lebensjahr und dies stimmte auch, da er 1698 geboren war: er hatte sich bei der Hochzeit 6 Jahre jünger gemacht, die Berechtigung dieser kleinen Mogelei aber auch durch zwei eheliche Sprößlinge erwiesen. Am meisten gemogelt oder vielmehr gelogen wird bei der Aussage über die Kranzwürdigkeit der Braut. Es ist dies ein ernstes und trauriges Kapitel, auf das ich hier nicht ausführlicher eingehen will. Ich habe darüber mit vielen Geistlichen gesprochen und bei fast allen ein schmerzliches Bedauern bemerkt: in vielen Fällen zwingt sie nur ein Beschluß der Alten in den Kirchenvertretungen, die Kirchenzucht in alter Strenge aufrecht zu erhalten. In der Regel ist es so, daß die Heuchelei, Lüge und Frechheit siegt, während die Wahrhaftigkeit und tränennahe Schamhaftigkeit unterliegt.
Jeder Familienforscher wird bei Durchsicht der Kirchenbücher manchmal erstarrt sein über die schonungslos grausame schriftliche Dokumentierung einer an sich bedauerlichen, aber menschlich erklärlichen und verzeihlichen Tatsache. Ich möchte dem Familienforscher raten, die Beantwortungen der Frage nach der Kranzwürdigkeit der Braut seinerseits nicht zu verwerten, vielleicht nicht einmal zu notieren. Wer die Stammtafeln aufmerksam durchsieht, kommt ja schon so zur Kenntnis peinlicher Familiengeheimnisse. Ich habe den Eindruck, daß dieser dunkle Punkt in nicht gar seltenen Fällen die Schuld an mangelndem Entgegenkommen und Zurückhaltung bei der Beantwortung von Fragen, z. B. nach dem Hochzeitsdatum trägt. Hier heißt es vorsichtig und taktvoll sein: es ist nicht immer nötig, auf den Grund zu gehen! Die Eintragungen in den Sterberegistern sind dagegen die schlechtesten und unsichersten! Nur wenn der Geistliche die Möglichkeit, Zeit und Lust gehabt hat, die ihm bei Todesfällen gemachten Angaben durch Nachschlagen rückwärts zu prüfen und zu berichtigen, die Geburtsdaten festzustellen und das erreichte Alter genau nach Jahren, Monaten und Tagen zu errechnen, sind die Eintragungen von Sterbefällen ergänzend brauchbares Material für die Lebensgeschichte des Toten. In der Regel aber sind sie unvollständig und unsicher in Namen und Daten. Am meisten gilt dies für die im Kindesalter oder jung Verstorbenen: der Rufname des Toten, der des Vaters, fast nie der der Mutter, kaum die Standes- oder Berufsangabe des Vaters; nur ungefähre Altersangabe: unter das Leben des Frühverblichenen wird eben ein flüchtiger Abschlußstrich gemacht. Etwas besser sind die Todesnotizen für ältere Leute, die länger gewirkt oder im Leben der Gemeinde eine Rolle gespielt haben; bei ihnen wird manchmal sogar ein gewisses Facit gezogen. Aber die Angaben der Meldenden sind unsicherer noch als die der Eltern, die den Tod eines Kindes ansagen. Der Sohn, der Enkel, ja auch die Witwe, wissen häufig kaum mehr den vollständigen Namen oder den Mädchennamen, nicht mehr das genaue Alter, eigentlich nur die Geburtstage - und häufig sind es auch ganz Fremde, die die Todesmeldung abstatten. Vielleicht hätte der Alte alles auch nicht mehr gewußt. Der „alte Hans Dinnies", der im Jahre 1661 starb, muß uralt gewesen sein, er wußte es selbst nicht mehr wie alt. Nur zwei Jugendgenossen hatten ihm noch gelebt, und man wußte im Ort, daß diese ein Jahr jünger seien. Und so steht als einzige Angabe außer Namen und Jahreszahl: „ein Jahr älter als Len Meßlin und ihre Schwester!" So verschwimmen die Schatten der Alten im Dunkel der Vergangenheit!
Sehr erfreulich, aber selten ist es, daß der Geistliche im Kirchenbuch hinzufugt, wen der Tote hinterlassen hat, ob eine Witwe oder den Gatten, wieviele noch lebende Kinder, voll- und minderjährige, und wo diese leben. Diese Notizen sind Spuren, denen nachzugehen unbedingt lohnt: mancher fast abgerissene Zweig kann durch ihre Verfolgung dem alten Stamm wieder verbunden werden. Viel seltener als man wohl wünschen möchte, ist die Hinzufügung der Todesursache - und diese Notizen sind oft recht kurz, allgemein und mehrdeutig! Sie beruhen ja meist auf Laienmeinungen und Laienaussagen, da bei der großen ländlichen Abgeschiedenheit, namentlich in älterer Zeit, die meisten dahingeschieden sind, ohne in ärztlicher Behandlung gewesen zu sein. So sind denn nur die Angaben über Unglückfälle, wie Ertrinken, über Selbstmorde, über den Tod von Entbindungen, über Lebensschwäche und Altersschwäche, über Croup und Ruhr eindeutig, während die Notizen Entzündung, Abzehrung, Husten, Krämpfe, Schlag mancherlei Auffassung und Erklärung zulassen. Außer den Kirchenbüchern finden sich in Pfarrhäusern häufig noch zwei andere Quellen, aus denen der familienforschende Gast gelegentlich schöpfen kann. Die eine ist die Kirchspielchronik, die nicht selten bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts, mit Kirchenvisitationsprotokollen sogar oft noch weiter zurückreicht. Sie enthält ja eigentlich keine Personalnotizen, aber doch Berichte über Ereignisse im Gemeindeleben, bei denen Gemeindeglieder beteiligt oder betroffen sind. Ein Baumann Dinse wird in einem Wassergraben tot aufgefunden: es ist unzweifelhaft Selbstmord, und der Tote wird ohne Glockengeläut und ohne Bahre in einem Kirchhofswinkel begraben. Aber der Pastor entschuldigt dies unliebsame Ereignis mit der Notiz, daß der Selbstmörder „schon seit einer geraumen Zeit nicht im Gebrauch seines vollen Verstandes war". Auf der Rückfahrt vom Kirchbesuch schlägt ein Boot um, und es ertrinken alle Insassen, Konfirmanden, unter ihnen auch ein Dinse-Mäten. Begünstigt durch die niedrige Lage am stark versumpften Wasser bricht die Ruhr aus; durch die Luderei auf dem vernachlässigten Gutshof nimmt die Krankheit epidemischen Charakter an, und es sterben fast ein Dutzend Gemeindeglieder. Die Chronik berichtet von dem tragischen Unglück im Hause des Büdners Dinse, der an einem Tage vier Särge, Frau und Kinder, der Erde übergeben muß! Die andere Quelle ist das Kassenbuch der Gemeinde, das namentlich für die älteste Zeit wichtige Nachrichten zu geben vermag! So fand ich in Netzelkow, auf den letzten noch erhaltenen Blättern des alten
Rechnungsbuchs über Einnahme und Ausgabe einen der beiden ältesten Dinnies vom Gnitz, Cheil Dinnies von Lüttow, der sicher der Stammvater eines großen Teils der 1200 Gnitzer Dinnies ist. An ihn werden 16164 mk Kirchengelder außgethan, die er mit jährlich 4 sh verzinsen und amortisieren soll. In den Wirren des Krieges - es ist ja die Zeit des Eingreifens Gustav Adolfs und der Vertreibung der Kaiserlichen aus Pommern - wird es wohl mit der Zinszahlung gehapert haben: 1631 zahlt er für 15 Jahre 30 sh und dann bis 1636 jährlich 2 sh. Nach Abschluß der Rechnung für 1636 steht im Rechnungsbuch: Cheil Dinnies zu Lüttow verstorben, und mit 1637 verschwindet der Einnahmeposten aus den Kirchenrechnungen. Dies sind doch Nachrichten aus einer Quelle minderer Bedeutung, deren Auffindung einen Familienforscher freuen kann! Auch die Einnahmevermerke für Glockengeläut geben häufig die einzigen Nachrichten über Sterbefälle. Schließlich möchte ich einen Ort erwähnen, der in der Nähe der Pfarrhäuser und Kirchen liegt und gute familiengeschichtliche Nachrichten zu geben ermag, den Kirchhof. Ich besuche in Dörfern und kleinen Städten stets den Kirchhof: es gewährt einen stimmungsvollen Reiz, auf dem Boden zu wandeln, der durch die Gebeine der Vorfahren erhöht ist, und von alten Tafeln und Kreuzen Namen und Daten zu sammeln. Die Familien haben oft bestimmte Teile des Gottesackers durch Jahrhunderte benutzt: in dem uralten Netzelkow bringt manchmal ein neues Grab zwei bis drei Schädel herauf, die einst den Starrsinn eines Dinse bargen. In den Kirchen selbst sind Gedächtnistafeln und in neuester Zeit die Weihetafeln für die in den Kriegen gefallenen Glieder der Gemeinde Hinweise auf Namens- und Geschlechtsgenossen. Nachdem ich den Leser durch Pfarrhäuser und Kirchen und über die Kirchhöfe geführt und gleichzeitig an den wichtigsten Ereignissen des Menschenlebens von der Geburt bis zum Tode vorbeigeleitet habe, erübrigt es nur noch, kurz die anderen Fundstellenfamiliengeschichtlicher Nachrichten zu erwähnen. Seit 1879, seit dem Inkrafttreten des Gesetzes über die Beurkundung des Personenstandes, enthalten die Kirchenbücher nicht mehr die Nachrichten über alle Menschenkinder: manch eines geht leider sein ganzes Leben hindurch an den Türen der Kirchen und Pfarrhäuser vorbei und findet nur den Weg durch die allen gemeinsam geöffnete Friedhofspforte. Für sie birgt das Standesamt in seinen dicken Dokumentenbänden die Daten der Lebensgeschichte. Leider sind die Standesämter keine so frei auszuschöpfende Quelle der Familienforscher, weil an ihr an Stelle des freundlichen Geistlichen
der beamtete Staatsdiener als Hüter steht. Gewiß, es wird die erbetene Auskunft dienstgemäß erteilt und die vorgeschriebene Gebühr eingefordert, aber das eigene Forschen in dem gesamten Material, das, was der Historiker braucht, die eigene ungestörte, zeitlich unbeschränkte Einsichtnahme in die Originalquellen, wird in der Regel versagt, und es gehören schon sehr gute "Beziehungen" dazu, um in den Diensträumen des Standesamtes so frei arbeiten zu können, wie in den freundlichen Studierstuben der Pastoren. Das Gleiche gilt von den Einwohnermeldeämtern der größeren Städte: auch sie enthalten viel und wichtiges Material für die Personenforschung, namentlich der aus der Heimat ihres Geschlechts Abgewanderten, Versprengten, ja auch der Ausgestoßenen, die ihre Schuld in den Winkeln der großen städtischen Sammelbecken bergen. Aber auch in den Amtsstuben dieser Behörden waltet der strenge St. Bürokratius, und man muß schon recht gute persönliche Beziehungen ausnutzen können, um frei an die Kästen herangelassen zu werden, in denen die Personen- und Familienstandskarten der verwandten Namensträger wohlgeordnet stehen. Leider sind auch in anderen behördlichen Kanzleien, Registraturen und Archiven die Familienforscher unliebsame und unliebenswürdig empfangene Belästiger. Ich muß hier die Gerichtskanzleien und leider auch viele städtische und staatliche Archive besonders nennen, die vielfach der Ansicht zu sein scheinen, daß Personalakten und sonstige Personalnachweise eigentlich niemanden etwas angehen. Gewiß, solche Gäste machen Arbeit, und manch unbilliges, ja auch unverschämtes Verlangen tritt an die Beamten heran; manchmal verbieten auch noch menschliche und dienstliche Gründe die Öffnung der Akten, aber im allgemeinen möchte man doch den Herren dort die Liberalität und das Maß von Liebenswürdigkeit wünschen, das wir Bibliothekare denselben und ähnlichen Wünschen fast stets entgegenbringen. Den Familienforschern der Zukunft steht die Überwindung manch großer Schwierigkeiten bevor, wenn bis dahin nicht überall die Überzeugung durchgedrungen ist, daß auch Personenforschungen allgemeinen Wert haben und gefördert zu werden verdienen, und daß auch Menschen einen Anspruch auf einen Stammbaum haben, nicht nur Pferde und Hunde. Einige andere Fundstätten personengeschichtlicher Nachrichten will ich nur kurz anführen: Grundbücher und Grundakten, Bederegister und Steuerlisten, Schulakten und Schulprogramme, Universitätsmatrikeln und Promotionslisten, Aushebungslisten, Stammrollen und
Ranglisten, Tagebücher, Stammbücher und Memoiren, schließlich auch die literarischen Quellen aller Art. Sie alle können und müssen verwendet und benutzt werden und geben Kunde und Nachrichten, aber meist doch nur Einzelnachrichten, die im wesentlichen dazu dienen, den Gußblock des Materials aus anderen Quellen nachzuarbeiten, gewissermaßen zu ziselieren. Für meine Arbeit an einer Namengenossenschaft kleiner Leute kamen sie bisher wenig in Betracht! In Kürze will ich auch einige Ratschläge für die Praxis des Sammelns und Vorbereitens des an allen diesen Stellen zu sammelnden genealogischen Materials geben. Wer auf die Fahrt nach den alten Urkunden seiner Familie geht, der nehme ordentliches und reichliches Schreibmaterial mit, Papierbogen und vor allem - diesen Rat gibt ein alter Bibliothekar, der ja berufsmäßig in Zettelkästen lebt und webt - vorbereitete, gleichmäßig geschnittene Zettel nicht zu großen Formats! Man mache zunächst Feldaufnahmen, schreibe mit Tintenstift jede Notiz sorgsam, wenn auch mit Abkürzungen, auf einen besonderen Zettel; vor allem die Heiratseintragungen und Todesnachrichten! Bei den Geburtsnotizen kann man größere Blätter benutzen, da Geburten in denselben Familien ja meist in kürzeren Zwischenräumen sich wiederholen: Es empfiehlt sich, die Namen der Eltern oben auf dem Blatt genau einzutragen und den Namen der Mutter farbig zu unterstreichen. Besteht aber irgendein Zweifel, z. B. wenn die Mutter nicht angegeben ist und vom Vater vielleicht nur der Rufname, so ist ein besonderer Zettel zu nehmen. Die Verarbeitung des gesammelten Notizenmaterials, die Zusammenstellung der verschiedenen Nachrichten aus verschiedenen Quellen und Orten ist dann die Arbeit der heimischen Arbeitsstube, eine Geduldsarbeit, ein feines Mosaikspiel mit vielen Finderfreuden! Nach meinen Erfahrungen ist es das Beste, alle Nachrichten über eine Persönlichkeit wieder auf einem Zettelchen zu vereinen - auf die Vorderseite Namen und Vornamen, Geburtsdatum und Ort, Einsegnungsdatum, Todesdatum, Heiratsangaben, Beruf und Wohnorte, Vater und Mutter, auf die Rückseite die Kinder mit Geburtsdaten und Geburtsorten. Aber für jedes Kind wieder ein besonderes Zettelchen - auch für die Frühverstorbenen! Diese Zettel versieht man dann in der rechten oberen Ecke mit dem Namen des Kirchenspiels, dessen Kirchenbüchern man die ausführlichsten Nachrichten verdankt, oder - was sich allerdings oft erst später ergibt - mit einem Namen, der die Heimat der Familie bezeichnet. Diese Zettel ordnet man während der Sichtung am besten nach den Vornamen des Vaters mit kurzen
Verweisungen von den Mädchennamen der Mutter auf die Vornamen des Vaters und von den Heiratsnamen der Töchter, also von den Familiennamen der Schwiegersöhne, auf die Vornamen der Töchter. Ist die Aufarbeitung des Materials wenigstens vorläufig abgeschlossen, dann ordne man die Zettel nach Familien und Stämmen und vereinige sie in neuer Arbeit, einer Art Dominospiel, auf dem größten Tisch mit allen ausgezogenen Platten, zu Stammfolgen nach der Deszendenz und komponiere so vorläufige Stammtafeln mit möglichst viel Raum zu Nachträgen und Ergänzungen, die immer kommen. Die Höhe und Breite, also die äußere Gestalt dieser Stammtafel, hängt von der Extension und Intensivität der Arbeit ab; meine sind fast immer meterlang und haben die Höhe von 10 bis 11 Generationen. Und dann ordne man die Zettel wieder um und diesmal nach den Geburtsdaten oder Geburtsjahren! Dies gibt die Möglichkeit, bei neu eingehenden Nachrichten, wenn sie nur irgendein Datum enthalten, schnell festzustellen, ob man die Person schon "hat"! So erhält man eine Kartothek von dauerndem Wert. Ich rate aber, auf keinen Fall das Material der Feldaufnahme zu vernichten: es kommen immer wieder Zweifel, die ein Nachschlagen in dem Urmaterial erfordern. Und wenn dann das eigne Ende naht und man keinen weiß, der die Arbeit teilt und fortsetzt, dann vermache man alles Material und die Kartothek mit allen Stammtafeln der Leipziger Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte! Dann hat man auch für die späteren Geschlechter gearbeitet! Was endlich die innere Form der Tafeldarstellung anbelangt, so wird zunächst und in den meisten Fällen nur die Form der Deszendenztafel in Betracht kommen, die alle Personen enthält, die von einem Stammvater oder der Stammmutter in gerader Linie abstammen. Die Herstellung einer Deszendenztafel in ihrer theoretischen Reinheit, die für genealogische Zwecke kaum einen besonderen Wert hat, macht enorme, kaum je überwindbare Schwierigkeiten, da die Deszendenz der weiblichen Linien sich immer sehr bald verstreut und im Dunkel verschwimmt. Man begnügt sich daher mit einem Auszug aus der reinen Deszendenztafel, der Stammtafel im eigentlichen Sinne, der Agnatentafel, in der nur Männer als Bindeglieder zwischen Stammvater und Nachkommen fungieren und Mädchen nur für ihre eigene Person ohne ihre Nachkommen stehen, in der also alle Aufgenommenen denselben Familiennamen führen. Die zweite Form der Tafel ist ein umgekehrt gerichteter Auszug aus der reinen Deszendenztafel: es ist die Aszendenztafel, oder wie man sie meist nennt, die Ahnentafel. Sie geht von einem Erzeugten aus und
vereinigt rückwärts alle Personen, von denen dieser in gerader Linie abstammt, deren Blut also in ihm fließt. Die Aufstellung der Ahnentafel begegnet natürlich denselben Schwierigkeiten, ihr Besitz ist aber für die naturwissenschaftliche Familienforschung die wertvolle Grundlage. Von noch größerer Bedeutung für die Forschungen auf dem Gebiet der Vererbungslehre, aber von geringer für die reine Genealogie, sind die sogenannten Sippschaftstafeln. Sie sind zeichnerische Vereinigungen von mehreren Deszendenztafeln, nämlich der vier Großeltern oder gar acht Urgroßeltern, die sich nach der Mitte zu, zu der Zentralperson, vereinigen und so alle Personen geben, mit denen diese durch nahe und entfernte Verwandtschaft versippt ist. Wer der Familienforschung von der naturwissenschaftlichen Seite naht, wird diese Sippschaftstafeln für die einzigen für ihn wertvollen halten. Die Zentralperson ist in der Regel noch am Leben, alles, was sie betrifft, ist direkt zu erfragen, und die Personen in der Nähe des Zentrums der Sippschaft stehen zeitlich so nahe, daß über sie noch ausführliche Nachrichten, vor allem auch über den äußeren Gesamteindruck und ihre anthropologischen Merkmale zu erlangen sind. Nach der Peripherie zu wird die Kunde spärlicher und ungenauer, zuletzt am Rande werden nur noch Lebensdaten gegeben werden können. Der Forscher zentralisiert so allerdings seine Arbeit und zersplittert sein Interesse nicht weitentfernt verwandte Personen, die ihm nur noch Schemen sind. Die Aufstellung solcher Sippschaftstafeln ist aber sehr schwer, sowohl die Beschaffung des Materials von unten her wie die zeichnerische Zusammensetzung. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich bei allen Erkundigungen bei Lebenden, wenn diese etwas tiefer eindringen wollten, erst Interesse fand, wenn ich ihnen durch Ausbreitung der Deszendenztafel das Gedächtnis schärfte und den Mund öffnete. Ich habe den Eindruck, daß man durch systematisch, z. B. durch eingehende Fragenzusammenstellungen anthropologischer Art betriebene Forschung mit wenigen Ausnahmen selbst für die Gegenwart und nähere Vergangenheit wenig erreicht und nur wertvolle Zukunftsarbeit vorbereitet.
--- Schon die bisherigen Ausführungen haben mehrfach angedeutet, wie man an genealogische Einzelheiten und die Art ihrer Gewinnung Schlüsse von familiengeschichtlicher Bedeutung, kleine Züge kulturgeschichtlicher, wirtschaftsgeschichtlicher, volkskundlicher und rassenkundlicher Art anknüpfen kann. Zum Schluß sollen doch noch einige etwas mehr ausgeführte Bilder aufgerollt werden, um an diesen
Beispielen zu zeigen, wie man genealogisches Material zu einer geschichtlichen Darstellung verwerten kann. Aus der niederfränkischen Heimat, etwa von der Gegend Krefelds her, kommt mit dem Strome niederdeutscher Ansiedler, wohl schon im 12. Jahrhundert, ein Mann in das eben unterworfene und christianisierte westliche Slavenland, der nach seinem Haus- und Namensheiligen den Namen Dinnies führt. Die Familie wird im westlichen Mecklenburg angesiedelt, vielleicht auf dem Hof bei Goldberg, der noch heute den Namen Dinnies führt und der im Jahre 1496, als Kaiser Maximilian die Reichslede erheben ließ, 4 Erwachsene und 7 Kinder zählte. Von hier wohl gingen Träger des Namens, als Christianisierung und Germanisierung weiter nach Osten vorschritten, in die Landschaft Mirow, von hier wohl auch, der Tollense und Peene folgend, weiter nach Osten ins Land der Pommeraner. Ein Stamm von ihnen wurde auf der Halbinsel Gnitz, in dem Land Gnez oder Gnysse, als Ansiedler angesetzt, als das uralte Geschlecht derer von Lepel sich um die Mitte des 13. Jahrhunderts in Pommern einfand und mit dem Gnitz und anderem Besitz auf dem Festlande belehnt wurde. Mit den Lepels zusammen, unter ihnen und neben ihnen, sitzen wohl seit 6 Jahrhunderten die Dinnies-Dinse auf dem Gnitz. Zuerst waren sie sicherlich Freie auf eigenem Besitz - auch 1616 wird Cheil Dinnies noch freier Baumann gewesen sein, da einem Unfrei-Grundbesitzlosen die Kirchenkasse wohl kaum 4 Mark „ausge- than" hätte. Aber in den Nöten des dreißigjährigen Krieges und der anschließenden Kriege Schwedens ging die Freiheit verloren und der Grundbesitz an den Grundherrn über. Um die Wende des Jahrhunderts waren die Dinnies Hofbedienstete, allhier auf dem Hof zu Netzelkow – wir treffen einen Hoffischer, einen Hofschäfer, einen Hofgärtner, einen Hofkutscher und einen Hofhäcker -, und der Gutsbesitzer vergab nach seinem Ermessen die Landstellen, die Bauern- und Kossättenhöfe, die Büdnerstellen und Katen. So sind die Dinses unfrei und erbuntertänig gewesen bis in die Zeit nach 1806, wo die Leibeigenschaft und das Gebundensein an die Scholle fiel und die Hofstelle allmählich wieder zu freiem Besitz wurde. Und seitdem sitzen sie wieder nach freier Vererbung auf eigenem Grund und Boden, stolz, unabhängig und in ruhiger Behäbigkeit! Ein anderer Stamm des Namens siedelte mindestens schon seit der Reformation im Lande Wustrow im Kirchspiel Cröslin. 1574 und 1654 finden wir hier Bauleute Dinnies: sie sind freie Domanialbauern, die nur dem Landesherrn, also den Herzögen von Pommern-Wolgast und dann den Schwedenkönigen, Pacht und Bede, Hundekorn und Rauchhühner
erst in Naturalien, dann in Geld geben und sonst nur ihrer Kirche in Cröslin zinsen. Sie sind als gute Wirte im Lande bekannt. Als im Jahre 1692 König Karl XI. eine Reduktionskommission einsetzt, die den Grundbesitz des Adels überprüfen und allen Boden, der in den wirren Zeiten seit dem Aussterben der Pommernherzöge dem Landesherren eigenmächtig entzogen war, der Krone Schwedens "reduzieren" soll, da wird viel Ackerland und manche gelegte Bauernstelle frei. Sie sollen in Perpetual-Arrhende, also in Erbpacht, an Söhne von landeingesessenen Bauern vergeben werden, die als gute Wirte gelten. Auch in Conerow sind drei Bauernstellen frei geworden: zwei von ihnen werden an einen Müsebeck, die dritte an einen Martin Dinnies vergeben, und diese bauen auf dem Brandschutt der Kriegszeit neue Höfe. Bald sind sie wirtschaftlich oben auf, denn die Erbpachtsumme ist nur gering. Als König Karl XII. in Kriegs- und Geldnöten sitzt, da erhebt er 1702 eine Geldumlage auch von den Grundbesitzern und Erbpächtern seines pommerschen Herzogtums. Auf die Conerower Erbbauern Müsebeck und Dinnies fallen 1200 bzw. 600 Taler: beide haben nach Ausweis der Quittungen die Summen in zwei Raten zu vorgeschriebenen Terminen auf der Rentkammer zu Stralsund gezahlt und haben von 1702 an pachtfrei - denn der König zahlte keine Zinsen - auf ihren Höfen gewirtschaftet. Aber die Sage erzählt dies anders! Nach ihr hat sich der Bauer Müsebeck auf ein Pferd gesetzt und hat nach langem, gefahrvollem Ritt seinem in tiefster Not sitzenden König die 1800 Taler in Gold nach Adrianopel gebracht! Dankbar gerührt will der König durch einen Schwertschlag den treuen Bauern zum Ritter schlagen, aber der Bauer lehnt ab: "Was tät ich armer Bauer wohl mit dem Edelmann?" Er bittet, wenn der König ihn und seinen Ortsgenossen durchaus lohnen will, um Pachtfreiheit für die drei Erbpachthöfe in Conerow. Und der König bewilligt diese Bitte: Solange noch ein Sprößling von diesen Bauern blüht, Solange auf Conerows Hufen der Pflug noch Furchen zieht, Solange noch in Pommern ein edler Fürst regiert, Den Greif in seinem Wappen und Gott im Herzen führt, Sollt Ihr auf Euren Höfen auch sitzen frank und frei Und späteren Zeiten künden den Lohn der Bauerntreu! Und dann fährt der Dichter fort: Schon mehr denn hundert Jahre verstrichen seit der Zeit, Doch Friedrich Wilhelm ehret dies Fürstenwort noch heut! Preis dem gerechten König, der Pommernland regiert, Den Greif in seinem Wappen und Gott im Herzen führt!
Auf ihren Hufen sitzen die Enkel frank und frei Und künden spätem Zeiten den Lohn der Bauerntreu! O blieben diese Enkel der alten Väter wert Und ehrten ihren König, wie diese sie geehrt! Das haben diese Enkel getan: noch heute, wieder ein Jahrhundert weiter sitzen die Müsebeck und Dinses auf ihren alten Höfen, freie, mannhafte Geschlechter, die ihres Königs-Herzog treu gedenken! In die alte Stadt Anklam wandert 1507 ein Wollhändler und Gewandschneider, d. h. Tuchhändler, Nikolaus Dinnies aus Usedom zu und erwirbt Grundbesitz! Schnell blüht die Familie auf: der eine Sohn Lorenz studiert und wird fürstlich-wolgastscher Sekretär, ein Enkel Nikolaus wird Ratsherr und Kämmerer in Stralsund. Als 1603 die Hanse ihren letzten Versuch macht, auf den alten Märkten im Moskowiterreich wieder zur Geltung zu kommen, und lübische Ratmänner nach Rußland entsendet, da bestimmt auch die alte Hansestadt Stralsund ihren Ratsherrn Dinnies zum Mitglied dieser Gesandtschaft. Nicolaus Dinnies ist mit den Lübeckern an den Hof des Zaren Boris Godunow in Moskau gezogen - allerdings ohne Erfolg für seine Stadt. Der andere Sohn erbt das väterliche Geschäft und Haus in Anklam. Aus seiner Nachkommenschaft ist der Dr. utriusque juris Dionysius Dinnies der erste des Namens, der einen Biographen gefunden hat. Zu seiner Nachkommenschaft gehört auch der Stralsunder Bürgermeister und Königlich Schwedische Landrat Johann Albert Dinnies, den die pommersche Geschichtsforschung als einen ihrer Ersten ehrt, der seinen Sammlungen, besonders den Stemmata Sundensia, ein gewaltiges und unschätzbares Material zur pommerschen Familienforschung hinterlassen hat. Diese enthalten auch einen Stammbaum und das Wappen der Anklamer Dinnies aus dem Jahre 1622. Das Geschlecht ist um die Wende des 19. Jahrhunderts heruntergekommen und um 1839 in Danzig ruhmlos erloschen. Doch kehren wir wieder nach dem Gnitzer Land auf Usedom zurück! Gering ist der Lebensraum auf der kleinen Halbinsel, zwei große Gutshöfe und nur eine kleine Anzahl Familienhäuser für nicht mehr Haushaltungen, als die landwirtschaftliche Ausnutzung des Bodens sie erfordert. Aber diese Familien sind fruchtbar, sie mehren sich namentlich in ruhigen Zeiten, die auf die Kriegsstürme Wallenstein- und Tilly- Krieges, die Kriege des großen Brandenburger Kurfürsten und das Kosakenjahr des nordischen Krieges folgen. Der Gutsherr kann den Nachwuchs nicht halten, sie entweichen der Erbuntertänigkeit und gehen in die Welt hinaus. Es ist ein mannhaftes Geschlecht, die Dinnies-
Jungens: viele schwedische Soldaten finden wir im nahen Wolgast oder in Stralsund. Sie sind mit Wind und Wasser vertraut, denn jeder Gnitzer Dinnies ist ja im Nebenberuf Fischer auf dem Achterwasser und der Ostsee vor Peenemünde. Sie werden Schiffer, Seeleute, und so entstehen in Wolgast und in Freest, in Wieck bei Greifswald und in Stralsund die Seemannsfamilien des Dinse-Namens. Andere Jungens bleiben daheim als Knechte auf den Höfen, als Häcker, Tagelöhner und Gutshandwerker. Sie warten und warten auf die Gunst des Gutsherrn, auf den Tod eines Alten - aber auch dies ist vergeblich, denn Boden und Feuerstelle ist ja nicht frei vererbbar, sondern wird nach Willkür der Herrschaft vergeben. So reißt die Geduld, denn es wartet die Braut, und manchmal ist es höchste Zeit zur Hochzeit. So wird manches Pärchen mit leichtem Bündel oder der Lade des mühsam ersparten, gesponnenen und gewebten Besitzes abends zum Kahn hinab an das Ufer geschlichen sein und hat sich aus der Heimat, die ihm keine Hüsung bot, hinübersegeln lassen in das schwedische Land, ins Elend. Dies ist der Ursprung aller der vielen Dinse-Familien, die das Festland im Rücken des Küstengebietes bevölkern, alles Landarbeiter, Knechte, Tagelöhner, Kleinstadtarbeitsleute. Zwei Jahrhunderte hindurch kann man sie verfolgen, immer auf derselben sozialen Stufe, wandernd von Ort zu Ort, ohne Aufstieg, ohne Besitz ohne Erbe, nur immer mit einer erschreckend großen Nachkommenschaft. Noch heute lebt im Kreise Grimmen ein älterer wackerer Namensvetter: in acht Dörfern hat er gearbeitet, als Knecht, als Tagelöhner, jetzt als Statthalter, und überall hat er Kinder bekommen, 28 Kinder, von denen 16 früh gestorben sind, und zwei Stiefkinder von der zweiten Frau! Welch ein Leben von Arbeit, Mühe und Sorgen, welch Wechsel in dreißig Jahren von Kindtaufen, Kinderkrankheiten und Kinderbegräbnisse! Und doch sagt er, er habe Freude an seiner Kinderschar erlebt. Fünf Söhne hat er in den Weltkrieg hinausgeschickt, drei haben beide Eiserne Kreuze sich verdient, aber zwei von ihnen ruhen auch in fremder Erde. Nun ein ander Bild, ein Gegensatz! 1710 oder 1711 wird auf Gnitz ein Franz Dinnies geboren. Den Geburtstag wissen wir leider nicht: es ist ja die Zeit, da die Russen auf der Insel hausen und die Stadt Wolgast völlig niederbrennen! Da waren die Pfarrhäuser verwaist, und die Kirchenbücher kamen in Unordnung. Er war schon ein Preuße, er war wie die meisten seines Stammes ein baumlanger Kerl - und sein neuer Landesherr, der König-Herzog Friedrich Wilhelm, war ein Freund von "langen Kerls". So erfüllte sich Franz Michaels Schicksal - er kam zu den Preußen, zu den Grenadieren, wohl zum 1. oder 2. Bataillon Garde
in Potsdam. Lange hat er gedient, ist Unteroffizier geworden und hat die beiden ersten Schlesischen Kriege in König Friedrichs Macht mitgekämpft. 1750 ungefähr kehrt er in die Heimat zurück, als zur Reserve Beurlaubter. Er gewinnt die Tochter des Zinnowitzer Försters zur Frau und bekommt dann im Pudagla-Forst eine kleine Holzwärterstelle mit einem Waldhäuschen in Stagnieß. Dies Stagnießer Forsthaus, das noch heute steht, ist die Heimat eines Heeres tüchtiger Menschen geworden. Zunächst folgt ihm sein einziger Sohn; dieser aber bevölkert Forsthaus und den schönen Wald am Ufer des Achterwassers mit einer großen Kinderschar. Von 12 Kindern wachsen ihm 11 zu kräftigen, außergewöhnlichen großen Menschen heran. Von 8 Söhnen stellt er 6 1813 seinem König zur Verfügung: Sie alle sind Gardejäger, einer fällt in der Schlacht vor Paris bei einem Sturm auf den Montmartre. Der älteste Sohn ist Kieper - Fischereiaufseher - im benachbarten Ueckeritz geworden, alle anderen Förster. Das Forsthaus in Stagniß wird nicht leer; als die Kinder hinaus sind, da bevölkern sie wieder das Elternhaus mit ihren Erstlingen, und beide Urgroßmütter leben noch im Hause. Da wird selbst dem alten Forstmann bange: er trägt der Behörde seine Lage vor; 58 Jahre säßen nun schon sein Vater und er in Stagniß und noch niemals hätten sie auch nur einen Pfennig Gehalt bekommen: er bittet um etwas mehr Forstland! Und die Regierung bewilligt ihm ein paar Morgen Wiesen und den schönen Titel Unterförster. Generationen von Förstern sind aus diesem Waldwärterhäuschen hervorgegangen, es gibt nicht viele Försterstellen im Küstengebiet, in denen nicht mindestens einmal ein Dinse als Förster gewesen. Und aus den stets kinderreichen Forsthäusern in Stagniß und Hammelstall, in Saugarten und Teerosen sind gesunde, tüchtige Familien über fast ganz Norddeutschland verbreitet. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Dinses, die es zu gehobenen Stellen im Leben gebracht haben, Kaufleute und Techniker, Fabrikanten und Beamte, Akademiker, Künstler, Schriftstellerinnen, Sprossen dieses Stammes der Förster von Stagniß, der Familie, die die Fortbildungsschule des "öden" Militarismus in die Höhe geführt hat. Und zuletzt noch ein flüchtiger Ausblick in das Gebiet der naturwissenschaftlichen Familienforschung. Die Dinses, die ich kenne oder von deren Gesamterscheinung ich glaubhafte Kunde habe, sind mit wenigen Ausnahmen große, schlanke Gestalten: der Försterstamm vor allem hat ungewöhnlich große Kraftgestalten hervorgebracht. Sie neigen - Männer und Frauen - nicht zur Beleibtheit und auffallenderweise auch nicht zu starker Entwicklung der Muskulatur, selbst nicht wenn sie Schlosser,
Schmiede, Maschinenbauer sind. Sie sind meist Langschädel mit kräftig gewölbter Stirn, hervortretenden Supraorbitalbögen und Backenknochen und einer kräftig vorspringenden schmalknochigen, nicht selten leicht gebogten Nase. Das Gesicht meist oval, die Haare schlicht, meist brünett, die Augen sehr häufig hellblau, der Blick meist von einer strahlenden Schärfe. Die Körperhaltung ist leicht etwas steif, der Gang aber doch federnd und weit ausschreitend. So können viele von ihnen einen würdevollen Eindruck machen, zumal wenn in ihnen ein angeerbtes Herrschtalent, Organisationskraft und Dispositionsgabe hervortritt. Jahrhunderte lang sind sie in ihren Dörfern Kirchenvorsteher und Schulzen gewesen, und noch heute sind sie geborene Vorsitzende, Gemeindevorsteher, Kirchenälteste und Stadtverordnete - meist allerdings oppositioneller Färbung, Gegner der jeweilig maßgebenden Richtung, und sei diese auch von einem Bismarck bestimmt. Sie eignen sich schlecht zu Untergebenen und ecken leicht an. Dies gilt auch vom Privatleben - häufig birgt der Langschädel einen Dickkopf! Bei Besuchen stelle ich regelmäßig, aber vorsichtig eine Frage nach dieser Eigenschaft; bei Männern begegne ich da immer einer leichten Bekniffenheit, bei den Ehefrauen einem verständnisvollen Aufleuchten und einem verzeihenden Zunicken nach der Seite des Eheherrn! Aber bei den weiblichen Dinses soll es ebenso stehen! Die Dinses sind ein gesundes und langlebiges Geschlecht: erfreulich viel recht alte Altväter weisen die Stammtafeln auf, und viele sterben den Strohtod an Altersleiden. Nur für die Fischer und Seeleute, und für die Förster scheint die Lungenentzündung, als die durch den Beruf bedingte Todesursache gelten zu können. Die Dinses sind ein kinderreiches Geschlecht; schier unendliche Reihen von Kindern stehen in den Stammtafeln unter den Eltern. So ist es natürlich, daß manche Frau des Geschlechts den Gefahren der Entbindung und des Kindbetts erliegt - aber doch wohl nicht mehr, als es leider überall der Fall ist und hier besonders durch die ländliche Abgeschiedenheit erklärt werden kann. Totgeburten sind verhältnismäßig selten, und die gleichmäßige Folge der Geburten mit etwa zweijährigen Zwischenräumen läßt auch vermuten, daß die Reihe der Geburten nicht durch Fehlgeburten unterbrochen worden ist. Bei den Geburten scheinen die Mädchengeburten zu überwiegen. Die Kindersterblichkeit ist gering, sicher nicht größer als überall auf dem Lande bei den in hygienischer Hinsicht früher und auch jetzt nicht
einwandfreien Wohnungsverhältnissen. Kinder im ersten Lebensjahre erliegen den gewöhnlichen Gefahren des Säuglingsalters, ältere den Kinderkrankheiten, der Diphtheritis, dem Scharlach, in früheren Jahrhunderten den Pocken. Aber die meisten wachsen heran. Besonders günstig steht es da mit den Försterfamilien: im grünen Wald und einsam liegenden Forsthofen tummeln sich Scharen von Kindern zu kräftigen Nachkommen heran! Natürlich kommen Ausnahmen vor: der Alkoholismus verheert eine Familie bis zum letzten Glied, mit Selbstmord endende Geisteskrankheiten des Vaters bringt die ganze Nachkommenschaft zum Verkommen in wirtschaftlicher Not und Schande. Manchmal bringt auch eine Frau den Todfeind, die Tuberkulose, in die gesunde Familie! So schwebt mir ein besonders trauriger Fall vor: der Vater gesund bis ins hohe Alter - die Mutter scheinbar gesund und lebenskräftig: sie ist die Hebamme des Bezirks und bringt selbst 8 Kinder zum Leben. Doch sie erliegt der Schwindsucht, und alle Kinder siechen bis zur Jugendblütezeit an der gleichen Krankheit dahin, bis auf den ältesten Sohn, das voreheliche Kind, das, wohl früh aus dem Elternhause gekommen, dem Wüten des Erbfeindes nicht ausgesetzt war. Von der das Leben der Nachkommen gefährdenden Syphilis ist wohl nichts zu merken, selbst die langgedienten Soldaten scheinen die unheilvolle Seuche nicht in ihr Heimatdorf verschleppt zu haben. Unklar ist mir als einem Laien, ob die Inzucht in bösem oder gutem Sinne oder mehr in bösem als in gutem Sinne die Art, Lebenstüchtigkeit und Fortpflanzungsfähigkeit der Stammesgenossen beeinflußt. Für einen Forscher, der diesen Fragen der Vererbungslehre nachgehen will, kann man sich kaum ein besseres Studiengebiet denken als die kleine Halbinsel des Gnitz oder das Wustrower Land mit ihrer seit Jahrhunderten stationären schwachen Bevölkerung. Frisches Blut kommt da wenig hinzu: ein Sohn heiratet wohl mal ein Mädchen, das er in seiner Garnisonstadt kennen gelernt hat, und die Gutsherrschaft führt mit Dienstdeerns und Zofen, welche die von Geburt ortsfremden jungen Frauen von Lepel aus ihrer Heimat mitbringen, fremderes Blut und fremdere Art auf den Gnitz. Sonst ist aber alles miteinander verwandt, geradezu verwandtschaftlich verfilzt seit Jahrhunderten. Immer wieder Heiraten mit denselben alten Familien, den Meßlins, den Breuhahns, den Knaaks, den Labahns, immer wieder Ehebündnisse von Dinses mit Dinses - mehrmals durch drei Generationen - andere Heiraten als solche in nähere und entfernte Verwandtschaft sind einfach unmöglich. Hat dies geschadet, schadet es noch jetzt? Ich glaube nicht! Aller-
dings ist man manchmal geneigt, das schnelle Absterben eines Stammzweiges auf diesen Grund zurückzuführen - aber im allgemeinen glaube ich mehr an das Gegenteil, an die Summierung günstiger Vererbungsmassenteile von den gemeinsamen kraftvollen und in gutem Sinne eigenartigen Stammvater. Am günstigsten steht da wieder der Stamm der Förster. Verwandtenheiraten sind in ihm selten: die jungen Forstaufseher kommen durch häufige Versetzungen zu sehr im Lande herum. Aber sie heiraten vielfach Försterstöchter - und so vererben sich und summieren sich die günstigen Vererbungsmassen der gesunden und tüchtigen Forsthäuser, der kraftvollen Männer und Frauen von der grünen Farbe. Neben die Enaksgestalten zweier Stagnießer Förster, die im Stettiner Schloß selbst einem flüchtig verlorenen Blick ihres Königs auffielen, kann ich als Gegensatz einen ganz kleinen Dinse stellen, den kleinsten lebenden Erwachsenen, kaum 90 Zentimeter hoch. Er ist der Abkomme einer Dinse-Familie, in der in mehreren Generationen Dinse-Heiraten vorkommen: Großmutter und Mutter sind wieder aus einer - vielleicht verwandten Familie. Aus einer großen Zahl von Kindern seiner Eltern ist er der einzige am Leben gebliebene Sproß, ein kleines Weltwunderchen, mir ein doppelter Namensvetter in Namen und Vornamen. Ist er ein Degenerationsprodukt menschlicher Inzucht? Und damit wollen wir von dem Dinse-Stamm Abschied nehmen: der Verfasser dieser Zeilen hat seinen Namen wohl allzu oft genannt! Aber ohne Beispiele aus dem wirklichen Leben, von wirklich Lebenden und einstig Lebenden konnte er nicht auskommen. Er ist so hoffentlich der Gefahr entgangen, langweilig zu wirken und den Leser nur als böser Geist im Kreise theoretischer Spekulationen auf dürrer Heide herumzuführen.
Originaltext liegt bei Andrea Bredereck, geb. Dinse in Zinnowitz, vor.