Karl Mewis Kanal bei Torfbrücke

Aus Ortschroniken
Version vom 18. Oktober 2021, 13:16 Uhr von Windfluechtermv (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Kanalbaupläne durch die Rostocker Heide vor einem halben Jahrhundert (Autor Wilfried Steinmüller)


Mancher Heidewanderer, der seinen Weg von Torfbrücke ins Herz der Landschaft, in Richtung Pöstenschneise lenkt, ist etwas erstaunt bereits nach wenigen Schritten durch den Heidewald auf ein kleines seeartiges Gewässer zu stoßen. Der Volksmund hat dieser kleinen Wasseridylle den Namen „Karl-Mewis-Gedächtniskanal“ verliehen.
Hier wird an ein von dem einstigen SED-Parteichef des Bezirkes Rostock besonders propagiertes Wirtschaftsprojekt der DDR erinnert.
Zu Beginn des Jahres 1962 findet sich auf einer Titelseite der Ostsee-Zeitung folgender Pressebeitrag:
„Stapellauf in Graal-Müritz
Kanalbau durch die Rostocker Heide"
Einen Stapellauf besonderer Art werden in wenigen Wochen die Einwohner von Graal-Müritz erleben.
Vor den Toren des Seeheilbades sind Raupenbagger des VEB Wasserstraßenbau Magdeburg dabei, ein Becken auszuheben.
Die Arbeiter des Magdeburger Wasserstraßenbaus werden von der Straße bei Torfbrücke aus 2,8 km des Kanals graben, der den Breitling mit dem Saaler Bodden verbinden soll.
Mit diesem Kanal wird der Anschluss des Überseehafens an das Binnenwasserstraßennetz hergestellt.
Nach seiner Fertigstellung soll er die Durchfahrt von 1000t-Schiffen ermöglichen sowie Eisenbahn und Kraftverkehr vom jährlichen An- und Abtransport von 1,5 Millionen Tonnen Güter vom und zum Rostocker Überseehafen entlasten. ...“
Ziel des Projektes war Binnenlastschiffe vom Überseehafen aus durch die Rostocker Heide, die Boddenkette und den Strelasund in Richtung Oder-Wasserstraße fahren zu lassen.
Auch zwei weitere Kanalbauprojekte, über Bodden-Recknitz-Trebel-Peene sowie Rostock – Wittenberge-Elbe, waren in Ergänzung dazu bereits in der Planungsvorbereitung. Zuvor waren einige Fachleute, die dem Projekt kritisch gegenüber standen mundtot gemacht worden.
Sie hatten darauf verwiesen, das es bereits vierzig Jahre zuvor Planungsarbeiten und Geländeuntersuchungen zum Bau eines Kanals Rostock – Ribnitz gegeben hatte und das Projekt seinerzeit angesichts der extrem schwierigen geologischen Verhältnisse als undurchführbar zu den Akten gelegt werden musste.
Noch im Frühjahr 1962 begann man von drei Punkten (Markgrafenheide, Torfbrücke und Dändorf) ausgehend mit der Umsetzung des Prestige-Projektes.
Während vorhandene Schwimmbagger nach Markgrafenheide und Dändorf an den Start gebracht wurden, gestaltete sich schon der Beginn im Bauabschnitt Torfbrücke ausgesprochen schwierig.
Zunächst wurde an den südöstlichen Ortsrand von Torfbrücke eine Elektro-Umspannstation eingerichtet.
Auf der Ostseite der vorbeiführenden Bäderbahnstrecke legte man dann einen großen Kahlschlag an um hier Anschlussgleise zum verladen von Gütern anzulegen.
In diesem Bereich war auch ein größeres Brücken- und Schleusenbauwerk vorgesehen.
Fußnote am Rande; mit dem anfallenden Baggergut wollte man das zwischen dem südlichen Ortsrand von Graal und dem Stromgraben gelegene Terrain zu Bauland für ein zukünftiges Plattenbau-Wohngebiet erhöhen.
Um nun die eigentlichen Baggerarbeiten beginnen zu können, wurde auf einer kleinen improvisierten Helling ein zuvor zerlegter Eimerketten-Schwimmbagger sowie eine Lastschute wieder zusammengebaut.
Motorisierte Eimerbagger gruben zeitgleich ein großes Loch um hier schließlich den Schwimmbagger zu Wasser lassen zu können.
Zitat aus der Ostsee-Zeitung jener Tage:
„zu den Kanalbauern gehören so erfahrene Schachtmeister wie Otto Kirchner, der bereits 18 Jahre im Wasserbau tätig ist und am Kanal des Friedens 1951 sowie der Talsperre Dippoldiswalde zwei Jahre zuvor mitgearbeitet hat.
Am Kanalbau sind die Betriebe VEB Wasserstraßenbau Berlin und Magdeburg, sowie der VEB Erdbau Magdeburg beteiligt.“
Sehr bald sollte die Kompliziertheit des Bauvorhabens offenbar werden.
Die Geologen hatten ja zuvor gewarnt, dass das gesamte Areal der Rostocker Heide aus einer acht Meter mächtigen Schwemmsandfläche besteht.
Es war schier unmöglich diesen bei den Heidebewohnern als „Sogsand“ bezeichneten Massen einhalt zu gebieten.
So wie der Schwimmbagger sich mühsam voranbaggerte schwemmte der Sand nur wenige Meter dahinter wieder zu und das Unterfangen wurde zur wahren Sisyphus-Arbeit.
Bereits im folgenden Jahr sah man die Unausführbarkeit des Vorhabens ein. Ohne Presseschlagzeilen stellte man die Arbeiten in aller Stille ein. :Schneidbrenner zerlegten die kleine Baggerflotte, die Natur eroberte die Großbaustelle zurück und machte sie zur abgeschiedenen ruhigen Idylle.