Gelbensander Forst, ehem. Fürstliche Heide

Aus Ortschroniken
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Die großherzoglichen Waldungen - Die Gelbensander Forst, das "Haus in Geelen Sand" und der Forsthof

Die fürstlichen Waldungen und das Forstrevier Hirschburg

Betrachten wir die historische Entwicklung des östlichen Teils jener Waldlandschaft, die mit 12 000 ha Ausdehnung das größte geschlossene Forstgebiet an der gesamten deutschen Seeküste ist und für dessen Geschlossenheit die Geographen den Begriff „Nordöstliche Heide Mecklenburgs“ prägten, so umfasst sie angesichts schriftlicher Belege einen Zeitraum von mehr als 750 Jahren. :Das Datum des ältesten erhaltenen Dokumentes berichtet auch von der größten Zäsur in der Geschichte dieser Landschaft, eben deren Teilung.
Bis zum 25. März 1252 befand sich hier das gesamte in sich geschlossene Urwaldgebiet zwischen Rostock und der Recknitzmündung im Besitz der mecklenburgischen Landesherrschaft.
Darauf verkaufte Fürst Borwin der III. die mehr als 6 000 ha umfassende Westhälfte an die Stadt Rostock. Die Teilung war in ihren Grundzügen bis in unsere Tage anhaltende Teilung in die westliche „Rostocker Heide“ und die östliche „fürstlich Ribnitzer Heide“ war vollzogen. Fortan machten diese beiden Waldhälften eine, nutzungsgeprägt, sehr unterschiedliche Entwicklung durch. In der Rostocker Heide dominierte der Holzerwerb, in der fürstlichen Heide prägte die höfische Repräsentationsjagd die weitere Entwicklung der Landschaft.
Aus einer Urkunde, datiert vom 20.April 1262, ist zu entnehmen, dass die Jagd nicht mehr der Allgemeinheit zustand, sondern das ihre Ausübung bereits allmählich als ein besonderes mit dem Eigentum an Grund und Boden verbundenes und aus diesem entspringendes Recht verstanden wurde.
So stand nun die „Hohe Jagd“, also Hetz-, Pirsch- und Beitzjagd auf Edel-, Reh-, Schwarzwild, Auer-, Birk-, und Haselhuhn, Fasan, Trappe, Kranich und Adler ausschließlich dem Landesherrn zu.
Alle übrigen jagdbaren, in der Heide vorkommenden Tierarten, die „Niedere Jagd“, also Hühnerfang mit dem Hühnerhund sowie Habichsbeize auf den Hasen, gestand man auch dem niederen Adel, städtisch Ribnitzer bzw. klösterlicher Beauftragter in Form von Privilegien zu.
Einfachen Untertanen war nun das Vogelfangen mit Leimruten (Leimspillenausleger) gestattet.
Wann der einst hier vorkommende letzte Auerochse erlegt worden ist, kann heute nicht mehr festgestellt werden.
Dass er, genauso wie der Elch, einmal recht häufig anzutreffen war, belegen jedoch gelegentlich bei Erdarbeiten gemachte Funde. :Auch Luchs, Bär, Wolf, Auer-, Birk- und Haselhuhn waren ehemals hier heimisch.
Im Jahre 1272 finden sich erstmals urkundliche Nachweise, die einen größeren Waldbesitz der Stadt Ribnitz im Nordostteil des Waldareals belegen.
Teile der Fürstlichen Heide gelangten ab 1328 durch Schenkung der Landesfürsten in den Besitz des Klarissenklosters zu Ribnitz. :Dieser Streubesitz umfasste im 16. Jahrhundert Waldflächen bei Dierhagen, Müritz, Altheide/Neuhof, Petersdorf und Wilmshagen, laut der Klosterchronik von Lambert Slaggert:
„Waldungen um rund 1 000 Schweine feist zu machen“.
Eine Größenbestimmung, die uns zugleich von einer weiteren Art der Waldnutzung, der in Teilen bis Anfang des 19. Jahrhunderts anhaltenden Waldweide, berichtet.
Wald und Schweinebestand des Klosters Ribnitz und seiner Höfe waren unzertrennbar mit einander verbunden, denn der Waldbestand spielte als Ernährungsfaktor in der Schweinehaltung die weitaus größte Rolle.
Die klösterliche, wie auch die fürstliche Forstwirtschaft war zu Beginn des 16. Jahrhunderts vernachlässigt worden.
Man betrieb die Forstwirtschaft nur als Plänterwirtschaft, d.h. man fällte die geeigneten Stämme regellos, ohne sich um den Ersatz durch Anpflanzung junger Bäume zu kümmern.
Eine Ausnahme machten ab 1620 klösterliche Flächen in der Dierhäger Feldmark.
Sie zu rein landwirtschaftlichen Zwecken zu benutzen schien unwirtschaftlich, deshalb hatte man junge Bäume angepflanzt, so dass hier im Gegensatz zu den Ausrodungen alter Waldungen der damals sicherlich seltene Fall eintrat, das früheres Ackerland zum Holzanbau benutzt wurde.
Zum Problem wurde die Übernutzung der sogenannten „weichen Holzung“ (Büsche, Sträucher und niedrige Bäume).
Aus ihr verschaffte sich das Kloster eine wesentliche Einnahmequelle.
Es erlaubte den Bauern, sich ihren Bedarf Holz zu hauen, und erhob für mehrere Ladungen 20-30 Thaler.
Die weiche Holzung wurde nicht allein als rohes Holz, sondern bereits im 16. Jahrhundert nachweislich zur Holzkohleherstellung genutzt.
Das Kloster selbst betrieb keine Meiler, sondern es kaufte die benötigte Kohle von seinen Bauern.
Durch den Erbvertrag von 1611 wurde auch der Übergang der Klosterwaldungen in den Besitz der Herzöge Adolph Friedrich und Johann Albrecht von Mecklenburg festgeschrieben.
Dem folgte jedoch ein mehr als ein halbes Jahrhundert anhaltender Streit, bis schließlich 1669 der überwiegende Teil des Ribnitzer Klosterwaldes in fürstlichen Besitz über ging und nun Bestandteil der fürstlichen Heide wurde.
Ab 1554 sind für die fürstliche Heide erste Jagdreglemente nachweisbar, so „Wider das Jagen zur verbotenen Zeit“ (1554), „Wider das Schießen und Jagen in der fürstlichen Heide“ (1557). Beginnend im Jahre 1599 finden sich Berichte über fürstliche Jagdablager in den fürstlichen und klösterlichen Waldungen (Reh- und Schweine-Ablager; aufwändig betriebene Treibjagd-Veranstaltungen verbunden mit umfangreichen Bauerndiensten).
An die Stelle des Fürsten persönlich traten während der Ablager oft die Jäger des Landesherrn, da dieser nicht selbst in jedem Jahr in allen Teilen seiner domanialen Besitzungen jagen konnte.
Ein im Visitationsprotokoll 1649 erwähnter wüster Heidereiter-Sitz in Gelbensande (ein Jahr zuvor endete der 30-jährige Krieg), der zu jener Zeit wieder aufgebaut wurde, lässt den Schluß zu, dass hier bereits vor Ausbruch dieses Krieges ein fürstlicher Jagdaufseher seinen Sitz hatte.
Gelbensande sollte in der Folge nicht nur Bedeutung als Sitz der landesherrlichen Jagdaufsicht, sondern auch als fürstliche Jagdresidenz in diesem ausgedehnten Areal erhalten.
Vom 3. September 1687 ist uns aus der fürstlichen Heide ein Bericht überliefert, als "Ihre fürstliche Durchlaucht Herzog Gustav Adolph eine Jagd, welche er zu Ehren seines bei ihm zu Besuch weilenden Schwiegersohns, des Grafen von Stolberg und dessen Gemahlin abgehalten...". Hier wird berichtet, dass das Treiben von Schwarzwild ebenso beliebt war, wie die lärmreiche Klapperjagd auf Füchse, Hasen und Schnepfen. Beim "Buschieren", der Suchjagd auf Niederwild mit Vorsteh- und Stöberhund, dem übrigens der Begriff "auf den Busch klopfen" entstammt, bei der im Gebüsch verborgene Tiere „herausgeklopft“ wurden, fanden die Durchlauchten ihr Jagdvergnügen.
Die hochherrschaftlichen Weidmänner des frühen Barock bevorzugten dann jedoch mehr die körperlich weniger strapaziös eingestellte Jagd, auch umstelltes oder deutsches Jagen genannt.
Darunter verstand man mittels Lappenketten umstellte Waldtrassen, in denen Treiber dem Jagdherrn das Wild zum Schusse zutrieben. :Besondere Bedeutung erlangten die Ribnitz/Gelbensander Waldungen während der Regierungszeit des Herzogs Friedrich Wilhelm (1675-1713), der hier seiner Vorliebe, der Parforce-Jagd häufig nachging.
Die Parforce-Jagd, auch französische Jagd oder „chassé á courre“ genannt, von "par force" = mit Gewalt, ohne jeglichen Pardon, zielte in der Regel auf den edlen Hirsch, der von einer Meute speziell abgerichteter Hunde und den Treibern bis aufs Blut gehetzt wurde.
Er veranlasste 1694 auch das „Edict wider das Jagen in der verbotenen Zeit, worin zugleich dessen Befehl, denen Hunden auf dem Lande die Schleif- oder Zwergknütteln von 5 viertel Ellen lang anzuhengen“ gefolgt vom „Jagd- und Forst-Edict“ 1697.
Dazu gelang es dem Herzog durch den „Vergleich mit der Stadt Rostock wegen der Besetzung und cedirten Ober- und Niederjagden in der Rostocker Heyde“ am 28. März 1702, das Recht der Jagd in der Rostocker Heide auf Lebenszeit zu erlangen.
Somit stand ihm die Jagd in der Fürstlichen Waldung, wie auch der Ribnitzer und Rostocker Stadtwaldung zu.
Das hatte schließlich zur Folge, das er zeitweise seine Hauptresidenz nach Rostock verlegte und am Heidereiter-Sitz Gelbensande ein kleines Jagdschloss errichten ließ.
Auf sein Betreiben hin wurde 1702 eine Holzordnung erlassen, die inhaltliche Ansätze zu geregelter Forstwirtschaft (Erhaltung und Schonung der Waldungen, erste Durchforstungsregeln, Schlageinteilung von Niederwald) enthielt.
Im Jahre 1715, zwei Jahre nach Friedrich Wilhelms Ableben, gereichte das diesem Landesfürsten seitens der Rostocker auf Lebenszeit eingeräumte Jagdrecht in den städtischen Waldungen zu einem handfesten Streit mit dessen jüngerem Bruder und Amtsnachfolger, Herzog Carl Leopold.
In Folge dieser Streitigkeiten besetzten herzogliche Truppen die gesamte Waldlandschaft, auch wurde die Rostocker Bürgervertretung festgesetzt.
Am 26. Mai erging der kaiserliche Bescheid, dass die „Transaktion“ des Herzogs „vor Null und nichtig erklähret“ wurde.
So musste sich Carl Leopold, der kurz zzuvor gerade ein politisches Bündnis mit Zar Peter dem Großen eingegangen war und dessen Nichte Katharina Iwanowna geheiratet hatte, den Gelbensander Jagdsitz zu einer barocken Jagdresidenz-Anlage erweitern.
Die heute nicht mehr existierende Anlage ähnelte dem barocken Jagdschloß Friedrichsmoor sehr und wurde ebenso vom Baumeister Christian von dem Knesebeck erbaut.
Sie wurde zu einem der besonders beliebten Aufenthaltsorte des Fürstenpaares.
Die umgebenden fürstlichen Waldungen nutzte man als bevorzugten Aufenthaltsort der Präsentationsjagden.
Als wohl berühmtester Jagdgast nahm daran Zar Peter wiederholt teil.
Ab etwa 1719, in der Zeit der de facto Entmachtung Herzog Carl Leopolds verkümmerte die höfische Repräsentationsjagd in den fürstlich Gelbensander Forsten für Jahrzehnte fast bis zur Bedeutungslosigkeit.

Gelbensande als Forstinspektion und ab 1919 oberstes Forstverwaltungszentrum der herzoglichen Privat-Waldungen

Revier Hirschburg 1881 (Quelle: Heidearchiv)
Gelbensander Forst 1881 (Quelle: Heidearchiv)
Gelbensander Forst 1909 (Quelle: Heidearchiv)
Angesichts des in Mecklenburg, wie in ganz Europa raumgreifenden Gespenstes der Holznot, der überwiegende Teil der Waldungen war durch Übernutzung zu Strauchwüsten verkommen, waren die hiesigen fürstlichen Forsten weitgehend intakt. Die 1702 erlassene Forstordnung und eine Reihe, den Folgejahren entstammender, darauf aufbauender Edikte und forstlicher Verordnungen, zeigten hier ihre Wirkung. Zaghaft wurden erste Schritte zu geregelter Forstwirtschaft praktisch umgesetzt. :1736 kam es zur Errichtung der fünf ersten Forstinspektionen in Mecklenburg. In der fürstlich Gelbensander Heide entstand so die Hirschburger Forstinspektion. Eine Einteilung der Waldungen in Reviere folgte bald darauf. Im August 1750 entstand die erste Teerschweelerei in den fürstlichen Waldungen in der Nähe Gelbensandes. Insgesamt existierten im 18./19. Jahrhundert viet Teerschweelereien in der fürstlichen Heide. Erst drei Jahre nach Regierungsbeginn Herzog Christian Ludwigs II., also ab 1750 rückte dieses fürstliche Waldgebiet wieder in den Focus höfischen Jagdgeschehens. Ab 1755 wurde der Bestand an Hetzhunden und Pferden in der Gelbensander Jagdresidenz beachtlich erhöht. Parforce-Jagden erlebten eine Renaissance, forstliche Aspekte traten wiederhinter höfische Repräsentation zurück .
Den nächsten zaghaften Versuch nachhaltige Waldwirtschaft in den Vordergrund zu stellen, dokumentiert die 1789 verabschiedete „Patent-Verordnung wegen Schonung des Eichen-Holzes, insonderheit wegen mißbräuchlicher Verschwendung junger Eichen-Hester ...“.
Mehrere solcher Einsprünge gab es ab der 1880 erfolgten Eingatterung der gesamten Heide
Reste des Wildeinsprunges am Nordende des Hirschburger Landweges als Relikt der 1880 erfolgten Eingatterung der gesamten Heide
Großherzog Friedrich Franz I. Liebte es, alljährlich im Herbst große Saujagden mit der Findermeute abzuhalten.
In Gelbensande bestanden zu der Zeit speziell angelegte Zuchteinrichtungen für Hetz-, Leit- und Schweißhunde. Versuche der herzoglichen Forstinspektoren (Oberförster Ehlers, Dienstzeit von 1776-1789, Oberförster von Schildfeld 1789-1816, Oberförster Walter 1794-1806, Oberförster Böcler 1806-1816) unter diesen Rahmenbedingungen geregelte Forstwirtschaft zu realisieren, blieben damit weitgehend wirkungslos.
Erst mit dem Dienstantritt Philipp von Stenglin´s, eines späterhin bedeutenden Forstmannes begann im Jahre 1816 die Ära einer wirklich tiefgreifenden geregelten Forstwirtschaft.
Nur kurz zuvor hatte von Stenglin die Forstakademie Heinrich Cottas (einem der Wegbereiter der deutschen Forstwirtschaft) in Zillbach /Thüringen als einer der ersten Absolventen verlassen.
Er führte in den fürstlichen Waldungen die erste wirkliche Forsteinrichtung durch, gliederte die Reviere in Abteilungen, ließ Ansaaten bzw. Pflanzungen eingattern, um so geschützt, um so geschützt vor Wildverbiß ansehnliche Forstbestände aufwachsen zu lassen. Er machte erste erfolgreiche Versuche, standortgemäß auf Plaggstreifen zur Frischerhaltung des Humus übersandete Kiefern-Streifensaaten anzulegen. Von Stenglin gelang es selbst unter den erschwerten Bedingungen eines fürstlichen Präsentationsjagdgebietes, eine Musterforst von landesweiter Bedeutung auf den Weg zu bringen.
Welche Beachtung sein forstliches Wirken fand, belegen unter Anderem auch Studienaufenthalte von Land- und Forstwirten nationalen Ranges, wie der Cotta´s im September 1825 oder des berühmten Nationalökonomen Johann Heinrich von Thünen im Jahre 1831 an der Gelbensander Forstinspektion.
Eine bemerkenswerte Initiative von Stenglin´s ist auch die Gründung des „Versorgungsvereins für Forstarbeiter zu Gelbensande“ sowie der „Allgemeinen Witwen- und Waisen-Kasse“ 1830 als zwei der ersten Sozialkassen in Mecklenburg. In der Regierungszeit des Großherzogs Friedrich Franz II.
Ab 1842 war schließlich auch das Ende der aufwändigen Parforce-Jagden und Hauptjagden gekommen. Fortan prägten mehrheitlich Pirsch- und Ansitzjagd das Geschehen in der fürstlichen Heide.
Nach Philipp von Stenglin´s Tode am 30.9.1844 setzten dessen Amtsnachfolger: Forstmeister von Bülow Dienstzeit 1844-1851; Forstmeister Schulz 1851-1874, nun dessen forstliches Vermächtnis mit Kontinuität fort. Mit Max Garthe, dem Enkel des in der Rostocker Heide berühmt gewordenen Forstmeisters Hermann Friedrich Becker, begann 1874 ein weiterer Forstmann von herausragender Bedeutung an der Gelbensander Forstinspektion seine Dienstzeit.
Als hier unter seiner Leitung 1875 bis 1877 unmittelbar neben der barocken Jagdresidenz der Komplex einer neuen Forstinspektion gebaut wird, erhielt diese zugleich den Status der zentralen Ausbildungsstätte für den gehobenen Forstdienst in Mecklenburg.

(Zeit Adolf von Oertzens einfügen !)


Der Hauptausflug des Vereins Mecklenburgischer Forstwirte am 28.Juni 1909

" Am zweiten Tage der in Rostock in der vorigen Woche abgehaltenen Versammlung unternahm der Verein, wie üblich, eine Waldfahrt, deren Ziel diesmal das Gelbensander Gehege bildete. Ueber 100 Personen versammelten sich morgens auf dem Gelbensander Bahnhof, wo ein stattlicher Fuhrpark, von den Herren der Umgegend liebenswürdigerweise gestellt, die Teilnehmer erwartete. Die Fahrt begann dann in nördlicher Richtung, kreuzte beim Doppeltor die Hirschburger Landstraße und ging bis zum Großherzoglichen Jagdhaus, wo die Teilnehmer die Wagen verließen und sich vor dem Portal versammelten. Die im Jagdhause wohnenden allerhöchsten Herrschaften, Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Frau Großherzogin und Ihre Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten die Frau Großherzogin-Mutter und die Kronprinzessin, schritten nun die Treppe hinab und wurden vom Vorsitzenden Forstmeister von Arnswaldt in eineer längeren Ansprache begrüßt, die mit einem kräftig aufgenimmenen dreimaligen "Horridoh" schloß. Nachdem die allerhöchsten Herrschaften längere Zeit hindurch verschiedene Teilnehmer ins Gespräch gezogen hatten, wurde die Versammlung dann entlassen und begab sich wieder auf die Wagen, um die Fahrt in der Richtung auf Hirschburg fortzusetzen, wobei die ganze stattliche Wagenkolonne noch einmal vor den Herrschaften, die sich im Viererzug ins Revier begeben hatte, defilieren konnte.
In der Nähe des Forsthofes Hirschburg erwartete ein Frühstück im Walde die Teilnehmer, dann wurden der Forsthof und die Pflanzgärten besichtigt.
Die Fahrt kreuzte dann, nachdem die neuerbauten Forsthäuslereien berührt waren, wieder die Landstraße und erreichte, viele forstlich und jagdlich interessante und lehrreiche Punkte den Teilnehmern vorführend, gegen 2 Uhr Müritz, wo zunächst eine Besichtigung des von den Sturmfluten sehr gefährdeten Ufers, sowie der Schutzmaßregeln erfolgte.
Um 1/4 4 Uhr vereinigte man sich zu einem gemeinsamen Mittagessen im Hotel "Mecklenburger Hof", von wo aus gegen 6 Uhr die Rückfahrt angetreten wurde. Diese folgte zum größten Teil der Granze mit der Rostocker Stadtforst. Besonderes Interesse erregten dabei die wundervollen Altholzbestände der sogenannten Natheide, sowie ein sehr starker Rudel geweihter Hirsche, das auf einer Wiese stand und mit seinen Kolben im Sonnenschein einen imposanten Eindruck gewährte.
Gegen 8 Uhr endete die Fahrt, die den Teilnehmern gleich genuß- wie lehrreich gewesen war, wieder auf dem Bahnhof Gelbensande. Während die meisten Herren mit dem Abendzuge nach Rostock zurückkehrten, fuhr ein Teil nach Stralsund, um am nächsten Tage noch nach der Insel Rügen einen Nachausflug zu unternehmen-"
Rostocker Anzeiger Nr.149, 30.Juni 1909

Hauptausflug durch das Gelbensander Gehege am 25. Juni 1909

Jeder Teilnehmer erhielt eine solche Revierkarte mit der eingezeichneten Ausflugsroute
Letzter Forstinspektor der fürstlichen Privat-Waldungen um Gelbensande war von 1938 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges Forstmeister Jürgen Freiherr von Brandenstein .
So hat ein großer Teil bedeutender mecklenburgischer Forstmänner in der Zeit bis 1945 hier eine ganz wesentliche forstberufliche Prägung erhalten.


Das Jagdschloss Gelbensande - Residenz der mecklenburgischen Landesfürsten

Von jeher war die östliche Hälfte des mit 11.000 Hektar größten Küstenwaldes Deutschlands ein bevorzugter Aufenthaltsort für die mecklenburgischen Landesfürsten. Hier, in ihrem wohl schönsten Hofjagdrevier, der fürstlich Gelbensander Forst, suchten und fanden Großherzog Friedrich Franz III. und seine Gemahlin Anastasia Großfürstin von Russland den Standort für ihre Sommerresidenz.
Einen besonders wichtigen Aspekt bei der Wahl bildeten die Klimaeigenheiten dieser am Meer gelegenen Waldlandschaft. Das für Deutschland in seiner Spezifik einzigartige Gemisch aus Wald- und Seeklima bot dem lungenkranken Großherzog im Gegensatz zur Residenzstadt Schwerin erträgliche Lebensbedingungen. (B21)

Die Baugeschichte

Zu Beginn der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts beauftragte der regierende Großherzog Friedrich Franz III. den in jener Zeit in Dresden wirkenden Baumeister Gotthilf Ludwig Möckel mit der Projektierung des Baues. Als ersten Neubau-Auftrag in der nun neuen Heimat begann er 1884 mit der Arbeit am Jagdschloss. Grundsätzlich war das neue Haus in einer Architektur konzipiert, deren Vorbild aus dem England der Shakespeare Zeit stammt, dem Cottage- oder englischen Landhaus-Stil.
Am 1. Mai 1885 fand die Grundsteinlegung für das neue Haus statt. Großherzogin Anastasia, Ehefrau Friedrich Franz III. war eine Enkelin des russischen Zaren Nikolaus I. Ihrem Wunsch entsprechend wurden einige Änderungen am Ursprungsprojekt vorgenommen. So fügte man in Anlehnung an russische Schlösser- und Bojarenhaus-Architektur die hölzerne Überdachung des Haupteinganges hinzu. Auch wurde an verschiedenen Stellen des Gebäudes der russische Zarenadler als Zierelement hinzugefügt.
Während im unteren Hauptgeschoss Ziegelrohbau mit roten und gelben Verblendsteinen aus der Brennerei Saniter Verwendung fanden, wurden die Obergeschosse in hintermauertem Fachwerk aus den Holzbeständen der umgebenden Forsten hergestellt. :(B22)
Die Tageszeitungen des Landes berichteten in jener Zeit laufend über den Baufortschritt. So finden sich in den „Mecklenburgischen Nachrichten“ die Namen vieler Beteiligter, nachfolgend einige Wichtige ausgewählt:
Bauführung während des Roh- und Ausbaues: Bauführer Diesend und Vogel
Erdarbeiten: Maurermeister Müller/ Schwaan
Zimmerarbeiten: Hauszimmermeister Krüger/Rostock
Lieferung Mauer- und Verblendsteine: Fa.Saniter/ Rostock
„ Kalk-, Zement, Eisenträger Fa.Jürß und Crotogino/ Rostock
„ Fußbodenbretter Fa.Brüggmann und Sohn/ Lübeck
Dachdeckerarbeiten: Dachdeckermeister Walter/Laage
Tischlerarbeiten: Tischlermeister Kröger, Stephan, Stötzel/Rostock; Tischlermeister Krüger/ Doberan
Bildhauerarbeiten: Bildhauer Garding und Kasch jun. / Doberan
Kunstschmiede-, Kupfer- und Schlosserarbeiten: Schlossermeister Jardin und Kehr/ Rostock; Hofschlosser Beckmann/ Doberan; Schlossermeister Flint/ Doberan; Kupferschmiedemeister Steusloff/Doberan;
Schmiedearbeiten: Schmiedemeister Kielgast/ Gelbensande; Schmiedemeister Stüve/ Schwarzenpfost
Glaser- und Verbleiungsarbeiten: Glasermeister Krenzien/ Rostock, Hofglaser Beckmann/ Doberan
Bau der Zentralheizung: Ingenieur E.Kelling/ Dresden, Berlin
Bau der gemauerten Kamine u. Teil der Öfen: Fa.Lübcke und Hornemann/ Wismar
Maler- und Anstreicherarbeiten Hofdekorationsmaler Michaelsen und Dekorationsmaler Krause/ Wismar
Bereits am 24.September desselben Jahres feierte man das Richtfest und im März des Folgejahres, nach nur zehnmonatiger Bauzeit war das eigentliche Gebäude fertig. Ein weiteres Jahr benötigte man noch für Innenausbau und -ausstattung.
Böhmische Manufakturen fertigten einen Teil der Glaswaren.
Porzellanwaren kamen aus der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin.
Für die Kaminzimmer wurden Gobelins mit Jagdmotiven und Möbel nach Entwürfen Möckels gefertigt.

Anfang 1887 fand auch das seinen Abschluss und der „Ribnitzer Stadt- und Landbote“ berichtete über die rauschenden Einweihungsfeierlichkeiten.

Der Baumeister

Am 22.Juli wurde Gotthilf Ludwig Möckel in Zwickau als Sohn eines Kupferschmiedemeisters geboren. Sein Bildungsweg führte ihn über die Königliche Baugewerkenschule Chemnitz an das Polytechnikum Hannover. Der Vorläufer der heutigen Technischen Universität galt in jenen Jahren als eine progressive Ausbildungsstätte. Dort studierte er Baukunst bei Conrad Wilhelm Hase. In dieser Zeit war Möckel auch Mitarbeiter in den Architektenbüros Erwin Oppler in Hannover und Julius Rasch in Göttingen.
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Im Jahre 1866 kehrte Möckel nach Zwickau zurück und legte in Dresden die Prüfung als Bauhandwerker ab. Bis 1875 übte er die Doppelfunktion als Gewerksmeister und freier Architekt aus, um sich danach nur noch mit Entwurf und Bauleitung zu befassen. Der Bau der Johanneskirche Dresden nach dem Gewinn eines Wettbewerbes (Möckels bedeutendster Sakralbau ) führte 1875 zur Umsiedlung nach Dresden. Begünstigt durch die gute Auftragslage gründete er dort ein Architektenbüro.
Der Auftrag zur Wiederherstellung des Doberaner Münsters durch Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin wurde der formale Anlass, nach 10-jähriger Tätigkeit in Dresden 1885 erneut den Wohnort zu wechseln. Kurz zuvor hatte er auch den Auftrag zur Projektierung des Gelbensander Jagdschlosses erhalten.
In Doberan wurde Möckel erst kommissarisch und 1889 hauptamtlich als Baurat und technischer Beirat der Großherzoglichen Kammer von Mecklenburg-Schwerin und des dortigen Oberkirchenrates berufen. Diese Stellung verschaffte ihm bedeutenden Einfluss. Hinzu kam, dass die Anstellung in den Staatsdienst ihm die Möglichkeit ließ, weiterhin freiberuflich tätig zu sein.
Möckel wurde 1881 zum Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste in Dresden ernannt und gehörte den Architektenvereinen in Sachsen und Hannover sowie der „Bauhütte zum weißen Blatt“ in Hannover an. Die Ernennung zum Geheimen Baurat erfolgte 1887 nach dem Bau des Jagdschlosses, die zum Geheimen Hofbaurat im Jahre 1900 aus Anlass der abgeschlossenen Wiederherstellung des Doberaner Münsters. Im Oktober 1915 trat Möckel in den Ruhestand. Am 26.Oktober 1915 erlag er in Doberan einer Herzschwäche.
Ein großer Teil seiner Bauten war sakraler Natur, dazu zählen die Versöhnungs- und Samariterkirche in Berlin, die Lutherkirche in Danzig, die Johanneskirche in Smyrna (dem heutigen Izmir) in der Türkei. Zu den wichtigsten Profanbauten zählen das Ständehaus in Rostock, das Blindenheim in Königs Wusterhausen und das Jagdschloss in Gelbensande.

Die fürstlichen Bewohner

Hauptsächlich als ganz privates, zurückgezogenes Familiendomizil gedacht, bot die Waldlandschaft mit ihrem einzigartigen Klima dem lungenkranken Großherzog nur hier erträgliche Lebensumstände in seinem Land Mecklenburg. Mit seiner Frau hatte Friedrich Franz III. drei Kinder. Die Erstgeborene erhielt bei ihrer Geburt im Jahre 1879 den Namen Alexandrine nach der Großmutter des Großherzogs, der Tochter des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise.
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Das zweite Kind war dann endlich im Jahre 1882 der ersehnte Thronerbe, der seinem Vater später als Friedrich Franz IV. nachfolgen sollte. Schließlich wurde im Jahre 1886 Cecilie geboren. Komplizierte Verwandtschaftsverhältnisse ergaben sich aus Kindschaften und Heiraten. Letztendlich waren die Herrscherhäuser jener Tage alle in irgend einer Weise verwandt. So war Anastasia die Enkelin des Zaren Nikolaus I. von Russland, während im Gegenzug wiederum die älteste Schwester des Großherzogs , Marie (Pawlowna) den Zarenbruder Wladimir Alexandrowitsch Großfürst von Russland geheiratet hatte. Des Großherzogs jüngerer Bruder Heinrich ehelichte Prinzessin Wilhelmina, die spätere Königin der Niederlande (sie sind die Großeltern der heute regierenden Königin Beatrix ). Zahlreich ist die Prominenz der Fürstenhäuser, die in den folgenden Jahren als Gäste des Großherzogspaares in Gelbensande Aufenthalt nehmen. Den Annalen des in jener Zeit jährlich erscheinenden „Großherzoglich-Schwerinschen Staatskalender“ ist zu entnehmen, dass die herzogliche Familie alljährlich für mehrere Monate in ihrem Gelbensander Sommersitz Aufenthalt nahm. Großherzogin Anastasia war eine leidenschaftliche Tennisspielerin und ließ daher unweit des Schlosses einen Tennisplatz anlegen (verwildert aber noch vorhanden harrt er bislang der Wiederherrichtung). Der berühmte Professional Burke kam regelmäßig jeden Sommer auf einige Wochen nach Gelbensande und gab den fürstlichen Kindern Unterricht.
Auf der „Mecklenburgischen Landes-, Gewerbe- und Industrie-Ausstellung“ in Rostock im Jahre 1892 hat es dem Herzogspaar der Ausstellungspavillon der Firmen E. Wendt und Diedrich Riedel angetan, so dass man ihn kurzerhand kaufte und als Teehaus inmitten der Gelbensander Waldungen auf einer abseits gelegenen Waldwiese wieder aufbauen ließ. Prinzessin Cecilie schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Dorthin machten wir in der ersten Zeit unsere Ausflüge, doch zeigte sich bald, dass die Lage des Häuschens im Walde eigentlich kein rechtes Ausflugsziel bot. Es wurde daher abtransportiert und zwischen den Ostseebädern Müritz und Graal auf dem Kamm einer Düne aufgebaut, von wo man eine wunderschöne Aussicht auf die See genoss. Mit der Zeit wurden auch Paddelboote angeschafft. Ich hatte meist zu dergleichen Unternehmungen hohe Russenstiefel an, mit denen ich weit ins Meer hineingehen konnte. ..In früheren Zeiten kamen mein Großvater ( Großfürst Michail Nikolajewitsch Romanow) oder die Brüder meiner Mutter alljährlich aus Rußland zur Brunftzeit des Rotwildes nach Gelbensande. Auch die Mecklenburger Onkels waren regelmäßige Jagdgäste, vor allem Onkel Paul ( Herzog Paul Friedrich von Mecklenburg- Schwerin).“
Für Cecilies ältere Schwester Alexandrine war Gelbensande ein besonderer Abschnitt ihrer Jugend, erlebte sie doch hier ihre ersten Begegnungen mit ihrem späteren Ehemann dem dänischen Thronfolger Christian.
B25 und B26
Es war eine wahre Familienidylle bis zum mysteriösen Tode des Großherzogs am 10.April 1897 in Cannes /Südfrankreich. Einen Tag zuvor war sei einziger Sohn und Thronerbe, Friedrich Franz IV., fünfzehn Jahre alt geworden und damit zur Thronfolge noch nicht berechtigt. Bis zur Volljährigkeit musste ihn sein Onkel Johann Albrecht als Regent vertreten. Fortan führte die Großherzogin-Witwe ein sehr zurückgezogenes Leben auf ihrem Landsitz Gelbensande und widmete sich der Erziehung ihrer drei minderjährigen Kinder, wobei Alexandrine Gelbensande nach Ablauf des Trauerjahres verließ, um sich am 26.April 1898 mit dem dänischen Thronfolger Christian X. in Kopenhagen zu vermählen.
Nur kurz nach dem Tode des Großherzogs besuchte der in Berlin ansässige Graf Talleyrand-Perigord die Großherzogin in Gelbensande. Das besondere dieses Freundesbesuches war das für damalige Zeit ungewöhnliche Reisegefährt, mit dem er anreiste; ein Automobil. Ein gemeinsamer Tagesausflug ins Grüne begeisterte Anastasia in einem Maße, dass sie selbst eine solche technische Neuerung besitzen wollte, so kaufte man einen Tonneau der Firma Panhard-Levassor, ein französisches Modell. Die anlässlich dieser neuzeitlichen Anschaffung geäußerte Bitte der Großherzogin an den Grafen doch einen Klub Automobilbegeisterter zusammenzubringen, um gemeinsame Ausflüge mit einer gewissen Regelmäßigkeit durchzuführen, hatte schließlich die Folge, dass man sich am 31.7.1899 im renommierten Hotel „Bristol“ in Berlin zusammenfand, um den ersten deutschen Automobilklub, den „Deutschen Automobilklub“ (DAC), zu gründen. Als Schirmherrin des Unternehmens wirkte Großherzogin Anastasia, erster Präsident wurde Graf Talleyrand-Perigord.
Am 9. April 1901 trat Großherzog Friedrich Franz IV. die Regierung für das Land Mecklenburg-Schwerin an. Am 7. Juni 1904 heiratete der junge Großherzog in Schwerin die königliche Prinzessin von Großbritannien und Irland, Alexandra, Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg.
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Am 4. September 1904 fand im Gelbensander Schlösschen ein Ereignis statt, das zu jener Zeit in ganz Europa wahrgenommen wurde. Der älteste Kaisersohn, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen verlobte sich an diesem Tag mit der jüngsten Großherzogstochter, Herzogin Cecilie. Sie hielt bald darauf als Braut Einzug in Berlin. Mit der Hochzeit im darauf folgenden Jahr wurde sie Kronprinzessin und sollte damit Deutschlands zukünftige Kaiserin werden.

Eine kleine Geschichte über die die Presse am Rande der Verlobungs-Feierlichkeiten berichtete, verdient noch Erwähnung. Am Morgen des 2.September, gegen 10 Uhr entstand in der Gelbensander Forst, unweit des Schlosses, wohl durch Funkenflug einer Lokomotive ausgelöst, ein Waldbrand. Die Rostocker Zeitung berichtet darüber: „ ...Der Rauch zog sich nach dem nahe gelegenen Großherzoglichen Jagdhause hin. Hierdurch wurde das Feuer von den fürstlichen Herrschaften zuerst bemerkt, worauf sich die anwesenden Familien zum Brandherde begaben. Inzwischen war auch das Forstpersonal mit Löschmannschaften unter Herrn Forstmeister v. Oertzen herbeigeeilt. Anfangs schien es nicht ausgeschlossen, daß durch Flugfeuer eine Weiterverbreitung des Brandes erfolgen und hierdurch auch das Jagdhaus gefährdet werden könne. Man requirierte daher zur größeren Sicherheit Spritzen aus der Umgegend. Herr Forstmeister v. Oertzen konnte aber den fürstlichen Herrschaften mitteilen, daß eine Gefahr für das Jagdhaus nicht vorhanden war, da nur das niedrige Holz und das Gras brannten, wodurch die starke Rauchentwicklung hervorgerufen wurde. ...Auf der Brandstätte waren die Spritzen aus Blankenhagen, Willershagen und Rövershagen erschienen. ...Wie schon erwähnt haben sich die fürstlichen Herren lebhaft an den Löscharbeiten beteiligt. Als die Gefahr, daß das Feuer auf das fürstliche Haus überspringen könne am höchsten stieg, waren der Großherzog, der dänische sowie der deutsche Kronprinz sowie die übrigen Herren selbst mit dem Spaten in der Hand tätig, durch Herstellung eines Grabens eine Isolierzone um das Jagdhaus zu ziehen.“

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Was die Presse jener Tage nicht erwähnte, nach erfolgreicher Brandbekämpfung begaben sich der Großherzog und die beiden Kronprinzen mit in das Gelbensander Spritzenhaus. Bekanntlich ist es vielerorts eine alte Feuerwehrtradition nach erfolgreicher Brandbekämpfung nunmehr auch den währenddessen in den Kehlen entstandenen Brand zu löschen. Auch daran nahmen die hohen Herrschaften ebenfalls regen Anteil. Bald war man sich persönlich näher gekommen und der Wehrführer der hiesigen Feuerwehr ernannte den dänischen Kronprinzen kurzerhand zum Ehrenmitglied der Feuerwehr. Kuriose Konsequenz: der spätere Dänenkönig machte sich einen Satz zueigen, den er bei verschiedenen Gelegenheiten benutzte. Man sagte dem König Christian eine geradezu volksnahe Regentschaft nach und es heißt, Staatsakte und offizielle Anlässe mit strengem protokollarischen Ablauf seien ihm zuwider gewesen. Häufig musste er dabei langwierige Aufzählungen seiner Titel und Ämter über sich ergehen lassen, was er dann wiederholt mit dem ironischen Nachsatz quittierte, man hätte wieder einmal vergessen zu erwähnen, dass er auch noch Gelbensander Feuerwehrmitglied sei.
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Cecilie, nunmehr kronprinzliche Braut verlegte nach ihrer Hochzeit im Juni 1905 ihren Wohnsitz in die Preußenresidenz Potsdam. Als hier einige Zeit darauf die Aufgabe stand für das an Familienzuwachs reich gesegnete Kronprinzenpaar ( Cecilie hatte zwischenzeitlich vier Söhne geboren, denen in der darauf folgenden Zeit noch zwei Töchter folgen sollten) ein Wohnschloss zu bauen, dem es nicht an neuzeitlichem Wohnkomfort fehlen sollte, äußerte die Kronprinzessin den Wunsch doch ein Haus im Cottage-Stil in Anlehnung an ihre liebgewordene Jugendstätte in Gelbensande, zu konzipieren. Darauf erhielt der Hofbaumeister Paul Schulze-Naumburg den Auftrag ein solches in dieser auch als Landhausstil bezeichneten Architektur zu errichten, das nach der Kronprinzessin benannte Schloss Cecilienhof.

So verließ auch das jüngste der drei Kinder Anastasias Witwensitz.

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Als dann am 1.August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach wurde die Situation für die Großherzogin Anastasia, die ja eine nahe Verwandte des Zaren und damit der gegnerischen Kriegspartei war, unerträglich. Sie verlegte ihren Wohnsitz an die französische Mittelmeerküste nach Cannes, wo die herzogliche Familie ja bereits seit langem die Villa „Wenden“ besaß. Hier verbrachte sie die letzten Lebensjahre bis zu ihrem Tode 1922:Hauptnutzer des Gelbensander Domizils war nun ihr Sohn, der Großherzog Friedrich Franz IV. zunächst bis zu seiner Abdankung und dem Ende auch seiner Monarchie am 14. November 1918. Vorerst gänzlich enteignet nahm die Herzogsfamilie das Gastangebot des dänischen Königs als Schwager an, und lebte auf Schloss Sorgenfri in der Nähe Kopenhagens. Während dieser Zeit führte der Oberhofmarschall Cuno von Rantzau in Schwerin Verhandlungen mit der neu gegründeten Landesregierung und es wurde der * Vertrag, „betreffend die Auseinandersetzung über die vermögensrechtlichen Verhältnisse“ abgeschlossen. Hierin wurde als erstes das Wohnrecht im Jagdschloss Gelbensande zugesprochen, so dass die Familie Ende September 1919 aus dem dänischen Exil nach Mecklenburg zurückkehrte. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr waren einige herzogliche Familienmitglieder per Verordnung des Freistaates Mecklenburg für einige Zeit in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, die einem Arrest gleich kam. Einer der Söhne, Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg schildert zu dieser Zeit: „Als wir in Warnemünde ankamen, warteten Autos auf uns, und zwar waren es die Autos meines Vaters aus Schwerin mit den dazugehörigen Chauffeuren, die inzwischen aber von der mecklenburgischen Regierung übernommen worden waren. Sie trugen keine Livree mehr, sondern normale blaue Anzüge mit einer blauen Chauffeurmütze. ... Die Dienerschaft, die in Sorgenfri bei uns gewesen war, ging zunächst mit nach Gelbensande. ...Mein Vater lebte hier völlig zurückgezogen. Es dauerte längere Zeit, bis er wieder ein Auto bekam, und er durfte sich nur im nächsten Umkreis bewegen, bis Rostock.“ Erst später erhielt er seine Freizügigkeit im Lande wieder. Gelbensande blieb jedoch einer seiner Hauptaufenthalte. Die private Zurückgezogenheit in der die Herzogsfamilie hier lebte, machte nun nur noch selten Schlagzeilen. Lediglich in den dreißiger Jahren weiß die Presse zu berichten, dass der frischgebackene Boxweltmeister Maxe Schmeling nach einem jagdlichen Schießwettbewerb in Heiligendamm einer Einladung zum Besuch der Fürstenfamilie in Gelbensande folgte, wo er mit dem Herzog auf Pirsch ging.

Kleine Episode am Rande; als der für den Besuch gecharterte Bus von der Chaussee aus in den Schlossweg einbog, fuhr sich dieser in dem unbefestigten Sandboden des Weges fest. Unter Anfeuerung der herbeigelaufenen Dorfbewohner schob der Weltmeister den Bus allein aus diesem Malheur heraus. Gegen Ende des Jahres 1944 hielt sich die Familie des Großherzogs letztmalig in Gelbensande auf.

Das Kriegsende

Am 1. Mai 1945 schließlich hatte sich das Kriegsgeschehen auch unmittelbar in den Gelbensander Raum ausgedehnt. Aus dem Odergebiet im Südosten stieß die Rote Armee an diesem Tage über Tribsees, Marlow, Tessin bis nach Rostock und Ribnitz vor. Am Abend dieses Tages stand der erste russische Panzer auf der Warnemünder Westmole und riegelte die Hafeneinfahrt ab. An jenem Tag drangen die russischen Truppen noch nicht in alle Heideortschaften vor, alle nach Westen führenden Verkehrswege waren jedoch für zurückflutende Flüchtlingstrecks und Militäreinheiten abgeriegelt. Auf den Bahngleisen in der Nähe des Schlosses steckte ein aus Pommern evakuiertes, aus zwei Eisenbahnzügen bestehendes Lazarett fest. Am Vormittag war der Zug von Tieffliegern beschossen worden. Der Lazarett-Kommandant hatte von dem ungenutzt stehenden Fürstenschloss erfahren. Kurzerhand ließ er die etwa 750 Verwundeten ausladen und richtete hier ein Hilfslazarett ein. Einer der Lazarettinsassen berichtet darüber fünfzig Jahre später
„Es war der Ort, in dem ich nach fast achtwöchiger Irrfahrt als schwerkranker, junger Soldat endlich erste Hilfe und Geborgenheit erleben durfte, nachdem ich aus dem Zug ausgeladen und hierher verlegt wurde. Dies geschah am 1.Mai 1945 unter dem Lärm krachender Granaten (Anm. Eine in der Nähe befindliche Artilleriebatterie hatte ihren Transport selbst gesprengt) schon in der Dunkelheit. Am Morgen des 2. Mai wurden wir durch Motorengeräusch geweckt und ich wusste, der Russe war da. Bange Minuten des Wartens. Wie werden sich die Sieger verhalten? Vorsorglich hatte ich in der Nacht noch die wertvollere meiner beiden Armbanduhren versteckt und die andere so gelagert, das sie leicht ins Blickfeld viel. Die russischen Soldaten kamen in mehreren Gruppen, mit umgehängten Maschinenpistolen durchsuchten sie den großen Saal nach Beutestücken unter ständigen „Uri, Uri“ Rufen. Ich lag mit hohem Fieber in meinem Lager und machte wohl einen schlechten Eindruck auf sie, Das Plakat mit der Aufschrift „Typhus - Seuchengefahr“ deutsch und russisch geschrieben, verfehlte wohl seine Wirkung nicht. Mit meiner Uhr verschwanden auch die Soldaten wieder. Ein Chefarzt hatte diese Seuchenwarnung wohl veranlasst oder selbst geschrieben, da er der russischen Sprache mächtig war und lange Jahre als Arzt in Petersburg ein Sanatorium geleitet hatte.“

Offenbar aber auch aus Ehrfurcht vor dem augenscheinlichen russischen Kulturgut unterband ein sowjetischer Offizier Plünderungen und ließ den Schlosskomplex durch Wachen schützen. Selbst im Hause befindliche verwundete Wlassow-Soldaten, die man sonst bei Gefangennahme als Landesverräter und Kollaborateure sofort standrechtlich erschoss, überlebten hier. Die an Krankheiten oder Verwundungen Verstorbenen wurden auf dem unweit des Schlosses eigens angelegten Waldfriedhof beigesetzt.

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Die Nachkriegszeit war auch die Zeit der großen Umsiedlertrecks aus Ostpreußen und Pommern. Viele Seuchen wie Typhus, Ruhr und Cholera grassierten. Aus dem Lazarett wurde ein Seuchenkrankenhaus, in dem man Schwererkrankte streng isolierte. Lang ist die Liste derer, für die dieser Ort zur letzten Lebensstation wurde.

In den Nachkriegsjahren machte das Haus dann noch Nutzungen als TBC-Heilstätte, als Krankenhaus bis 1979, als Bauarbeiterunterkunft bis 1985, als Domizil der Gemeindeverwaltung, der kommunaler Wohnungsverwaltung, des Ortspolizisten (ABV), der Seniorenbetreuung und anderem bis zum Jahre 1990, durch. Heute steht es dem Besucher in seinen wichtigen Teilen zum Besuch offen.